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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XVIII. Die Falken in der Riss

Wieder auf dem Südlichen Falkenspitz und ins Kar Thalele-Kirch. Rathlosigkeit; ein falscher Plan

Der Morgen des 1. Juli [1870] brach an, die Sonnenstrahlen spielten an den Wänden, und dicke Nebel dampften wieder aus Thal und Kluft zum Himmel auf; ich eilte nicht mit dem Aufbruche und war überhaupt noch nicht ganz schlüssig, was beginnen. Bei drohender Wetterverschlechterung hätte ich vorgezogen, über die Ladizer Flecken*) in's Hinterauthal hinüberzusteigen und nebenbei den Moserkarspitz mitzunehmen. Aber das Schlussresultat war das gleiche, wie gestern. Die Sonne kämpfte zuletzt siegreich die Nebel nieder, die Bergspitzen streiften ihre Wolkengewänder ab, und auch der Falk thronte wieder kühn über Riss und Ladiz in unverletzlicher Majestät.

*) So benennt man den breiten, seicht durchfurchten Schutt- und Grasplätze, welche in der Nordseite der Hinterauthaler Kette unter dem Moserkarspitz und westlich desselben sich einlagern, von Ladiz aus durch eine ziemlich weit westwärts greifende Curve zu gewinnen sind und durch die Scharte westlich des Moserkarspitzes den Uebergang in's Hinterauthal gestatten. Im jenseitigen Moserkar leitet ein trefflicher Reitweg zu Thal. Es ist diess in der zweiten Parallelkette der dritte mögliche Uebergangspunkt von der Nord- auf die Südseite, von Osten her gezählt (Lamsscharte, Hoch-Glück, Ladizer Flecken; abgesehen davon, dass die Scharte zwischen Schafkarspitz und Hoch-Glück einmal von einem Jäger überstiegen wurde und ein derartiger Uebergang auch am Nudeltrog – westlich vom Grubenkarspitz – einmal soll ausgeführt werden sein.) Im westlichen Theile des Kamms werden die Uebergangsstellen ungleich häufiger.

Es war beschlossen. – Ich borgte mir noch einen Hammer, hoffend, damit vielleicht in den allzuglatten Plattenlagen etwas nachhelfen zu können und verliess um 7 Uhr 10 Min. die Alpe. Die Erwartung beschleunigte meinen Anstieg in ungewohnter Weise; um 8 Uhr war ich bereits an der Schäferhütte, stieg den bekannten Pfad am Falkenspitz hinan, nahe unter seinem Gipfel hindurch und wieder hinab zur Uebergangsstelle in's Kar Thalele-Kirch; kurz vor 9 Uhr stand ich auf der Kante, im unmittelbaren Anblick des Falken. Kaum jemals habe ich eine Bergtour so völlig planlos, so völlig bar irgend welchen Leitfadens fremden oder eigenen Ursprunges angetreten, wie diese. Gesehen hatte ich meinen Gegner von allen Seiten schon, das Auge, sonst der zuverlässige, auf weite Strecken dem Eisentritte voraus eilende, ihm bahnweisende Eclaireur, hatte sein Unvermögen erklärt, in dieser Sache noch weiteres zu thun! Res rediit ad triarios, – es galt ein Ringen. Brust gegen die Wand, Faust gegen die Klippe.

*) Ich hatte bei einem späteren Anlasse, am Schafkarspitze, Gelegenheit, das gänzlich Illusorischer solcher Erwartung kennen zu lernen. Ein Anderes ist es, auf sicherem Boden stehend, einen vereinzelten, wenn auch grossen Stein, mit Hammerschlägen zu zerschmettern, ein Anderes, an bereits bedenklicher Stelle, auf schmalem Tritt fussend, aus der starren Wandmasse eine Stufe wegarbeiten zu wollen.

Ein Schein eines Planes dämmerte noch, – vom Theilungspunkte der Grate weg wohl oder übel die Plattenschneide zu verfolgen, an die Ostseite des Kegels zu gelangen und hier vielleicht einen Zusammenhang zwischen den einelnen Grasstreifchen in der Wand zu entdecken. Doch aus dies Unternehmen hatte wenig Aussicht auf Erfolg, und die nächsten Stunden belehrten mich auch über das Fehlerhafte dieses Gedankens; zum Glück, ohne dass er vorher zur wirklichen Ausführung gekommen wäre.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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