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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXII. Vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen. Aus der Gleirschthaler Kette.

Die Amtssäge im Gleirschthal

"Guten Morgen" – so rief's von Bett zu Bett im kleinen Jägerstübchen der Amtssäge am Gleirschbach. – "Es ist wahrhaftig schon 8 Uhr und wir wollten um fünf aufbrechen – nun, versäumt ist bei dem Wetter, wie heute, Nichts." – Graf Sternberg, Wildmeister zu Scharnitz*) und ich, der nimmer ruhende Irrgeist in den Bergen, waren es, die am Vormittage des 30. Juli aus dem Kammerfensterchen hinaussahen in die Waldgründe des Gleirschthales, schwer von Wolken überhangen, aus welchen nur in kurzen Augenblicken die Zinne des Wiedemer**) herausstach, um rasch wieder in ihre Schleier sich zu hüllen.

*) Gegenwärtig herzogl. coburgischer Oberst-Jägermeister zu Wallsee in Nieder-Oesterreich.
**) Ein Ausläufer der Seegrubenspitzen in der Innthaler Kette.

Ein anmuthiges Plätzchen von idyllischer Einsamkeit ist diese "Amtssäge"*). Im Schatten hoher Thannen an den Berghang hingeklebt, hart über dem Gleirschthale, der in seinem felsigen Bette dahinrauscht, steht ein kleines, weissgemauertes Häuschen, just gross genug für Küche und Stube. Jenseits des Baches, an welchem die ausser Betrieb gesetzte Sägemühle sich befindet, steht etwas höher das zweite, ebenfalls gemauerte, einstöckige Häuschen, mit der Wohnung der Jäger, ein umzäuntes Gärtchen nebenan und eine Kapelle obenein. Mit Waidmannsheil grüsst das Schild des Hauses den Ankömmling; die Jagd- und Schweisshunde werden in ihrem Zwinger laut und die geöffnete Thüre lässt an den umher lehnenden Bergstöcken, an den Büchsen, welche die Wände zieren, leicht erkennen, wess' Geschäftes die Inwohner walten. Freundlich ist der irrgende Bergfahrer von ihnen aufgenommen und gerne unterstützt in Ausführung seiner Pläne; ein gebanntes Revier, das um der Ruhe hochfürstlichen Wildes willen dem Liebhaber und Forscher der Alpennatur seine Thore versperrt, kennt man im Gleirschthale nicht**). Wer aber gar das Glück hatte, mit Graf Sternberg persönlich die Amtssäge zu besuchen, in seinem Heim die alpine Einfachheit mit häuslichem Comfort im anziehendsten Einklange zu geniessen, der wird solche Tage zu den schönsten, kaum jemals im gleichem Masse wiederkehrenden Sonnenblicken seiner Entdeckungszüge in unbetretenen Gebirgen zählen.

*) 3715' 1207 m. Trinker. Der Name stammt daher, dass vor Zeiten das Holz für das Haller Salzwerk im Gleirschthale gefällt, auf der "Amtssäge" verarbeitet, dann auf das Stempeljoch geführt und des Winters über die Schneelehne in's Issthal hinuntergestürzt wurde. Die Säge steht noch, ist aber gänzlich ausser Betrieb.
**) Jagd-Eigenthümer war im Jahre 1870 Graf Bernstorff. Seither ist das Revier in den Besitz des Herzogs Ernst von Coburg übergegangen. Die Liberalität des hohen Jagdherrn lässt mit Gewissheit darauf vertrauen, dass dieser Wechsel in den touristischen Verhältnissen des Gleirschthales Nichts ändern werden.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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