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Home XXII. Vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen. Aus der Gleirschthaler Kette. Jägerkarspitzen-Grat; Mittlere Jägerkarspitze; zweiter Felsensturz und Verlust des Stockes Abstieg über die Mittlere und Südöstliche Jägerkarspitze auf die Flecken und ins Gleirschthal
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXII. Vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen. Aus der Gleirschthaler Kette.

Aeussere (Nördliche) Jägerkarspitze. Die Jägerkarspitzen ein wichtiger Gebirgs-Knotenpunkt

Der Ausblick war nun geöffnet, die Bahn frei. Einige steile Mauerstufen abwärts und ich traf auf ein queres, 2-3' [60-90 cm] breites Schuttband, das über der Kluft hinweg in die Scharte mich wies. In seiner Mitte, just an der engsten Stelle, versperrt ein tischgrosser Block den Weg. Die Spalte, die beiderseits von der festen Wand ihn trennt, gäbe Halt genug, um ihn sich herumzuschwingen; aber die doppelte Lection, die ich erhalten, genügte endlich doch, Vorsicht zu gebieten. Fest an die Mauer gestemmt prüfe ich seine Haltbarkeit – richtig, auch dieses Ungeheuer liegt lose; ein zweiter Angriff, und der mächtige Würfel weicht, wiegt sich über die Kante, mit Krach und Schlag verschwindet er in der Tiefe und abermals donnert ein Trümmerstrom hinunter in's Riegelkar. Durch den gesprengten Pass treten ich ein in die Scharte, ein schmales Geröllsättelchen, auf welchem die Kluft zwischen den Körper der Mittleren und Nördlichen Jägerkarspitze ziemlich breit und seicht beginnt. Ich sah die gleiche Kluft ihrem ganzen Verlaufe nach einige Tage später vom Hohen Gleirsch aus und halte die Möglichkeit, in ihrer Sohle aus dem Riegelkar bis zum Grate emporzusteigen für nicht ausgeschlossen. Es wäre dies eine neue Ersteigungslinie für die Jägerkarspitzen und liesse sich sehr hübsch mit einem Abstiege auf die Flecken und in's Grosse Jägerkar verbinden.

Längs des Grates stieg ich zur Nördlichen Jägerkarspitze hinan, deren Scheitel nunmehr in einer halben Viertelstunde erreicht war; nicht ohne dass ein sperrender Klotz auf der Kante, der zum Ausweichen auf die Ostseite, hoch über den Steilwänden des Jägerkars nöthigte, eine letzte Schwierigkeit bereitete. Der Gipfelkamm bildet einen langgestreckten, gegen Nordosten schwach niedersinkenden Schuttrücken. Der Absturz des ganzen Bergmassivs gegen das Hinterauthal ist lange nicht so nahe, als ich es erwartet hatte. Jetzt erst, auf der Nördlichen Jägerkarspitze, stand ich auf dem Grate der fortlaufenden Gleirschthaler Kette, – die ostwärts zur Jägerkarscharte und zur Praxmaderkarspitzen-Stocke [Praxmarerkarspitzen] sich fortsetzt, westwärts zum Hohen Gleirsch sich erstreckt. Die Mittlere Jägerkarspitze befindet sich bereits in der Abzweigung, und sie ist es, welche dem Grate des Katzenkopfs zum Ausgangspunkte dient; die südöstliche Jägerkarspitze endlich liegt in jenem Kamme, welcher das Grosse Jägerkar unmittelbar begrenzt und von den Flecken unter der Hohen Wand des scheidet. Es ergibt sich daraus, dass die Gruppe der Jägerkarspitzen als Gebirgsknotenpunkt von hoher Bedeutung und es keineswegs ohne Interesse ist, alle drei Gipfel derselben zu besuchen.

Auch die Tiefe des Hinterauthales eröffnete sich mir erst auf der nördlichen Spitze; dort erst erblickte ich, zwei- bis dreitausend Fuss tiefer, die grüne Wald- und Alpenterasse, welche, von Bergrücken und Thälern mannigfach getheilt unter der gliederlosen Mauer der Gleirschthaler Kette, von den Schuttwällen an ihrem Fusse gesäumt, sich hinzieht und ihre östliche Fortsetzung in der hochgelegenen Sohle des Lafatschthales findet. Von der Hinterauthaler Kette war namentlich der Einblick in die tiefe Bucht des Moserkars, von Kaltwasserspitze und Sonnenjoch*) umschlossen, bemerkenswerth; eine bedeutende Fernsicht, welche die Jägerkarspitzen immerhin zu gewähren vermöchten, fand sich vereitelt durch die düstere, gewitterverkündende Bewölkung des Himmels. Auch hatte ich wenig Zeit, mich langen Betrachtungen hinzugeben, der Abend nahte bereits, Unwetter drohte, und ich hatte noch den Abstieg von den Jägerkarspitzen zu suchen, ohne Kenntniss des Pfades und ohne Stock. Um 5 Uhr 30 Min., nach drei Stunden abenteuerlichen Kletterns, hatte ich vom Katzenkopfe aus die Nördliche Jägerkarspitze erreicht, eine Viertelstunde später verliess ich ihr Haupt, das nicht, gleich seinen Nachbarzinnen, mit Signal oder sonstigem Wahrzeichen versehen worden ist. Wer mag bis auf diess äusserste, luftige Cap wohl schon hinausgetreten sein? – Vielleicht bin ich sein erster Besucher gewesen; vielleicht auch, für lange Zeit, der letzte.

*) Der zweigipflige Felsrücken, dessen nördlicher Culminationspunkt im imposanter Thurmgestalt auf Ladiz hinabschaut; nicht zu verwechseln mit dem Sonnjoch im Falzthurnthale.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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