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Home XXII. Vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen. Aus der Gleirschthaler Kette. Das Felsenblatt; was auf der Hohen Wand die Hände zu leisten haben Jägerkarspitzen-Grat; Mittlere Jägerkarspitze; zweiter Felsensturz und Verlust des Stockes
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXII. Vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen. Aus der Gleirschthaler Kette.

Zweite Scharte; Thurm auf dem Grat. Besserer Boden; Schneegraben; erster Felsensturz

Kaum war ich wieder auf festem Posten jenseits des Felsblattes, so gähnte die zweite der beiden grossen Gratscharten vor mir auf und der Blick traf auf einen Mauerthurm, so blank und steil, dass, hätte er einem vielumworbenen Gipfel auch angehört, ich kaum gewagt haben würde, ihn zu berühren. Doch nun drängt ein stärkeres Motiv noch, als die Besiegung des Berghauptes; ich klettere das rissige Gewände hinunter in's enge Mauerthor und klettere die Wand des Thurmes hinauf – wie es gelang, weiss ich nicht zu sagen, darüber konnte ich keine Rechenschaft mir geben, als wenig Wochen später ich auf dem Niederbrandjoch stand und diesen Grat mir wieder betrachtete, keine, als ich nach drei Jahren den gleichen Punkt wieder besuchte und die Skizze des Katzenkopfes und der Jägerkarspitzen aufnahm. Ich weiss nur, dass ich vom Katzenkopf auf die Jägerkarspitzen gegangen – und wenn ich den Grat betrachte, der beide verbindet, so gelange ich zu dem Schluss, das Nichts unmöglich ist.

Als ich die Höhe des Thurmes gewonnen hatte, wo ich eine alsbaldige Wiederholung der bisherigen Vorkommnisse mit aller Zuversicht erwartete, fand ich mich nicht wenig überrascht durch ein schrofig gangbares Gehänge, welches den sanft absinkenden Grat südseits begleitet. Die Jägerkarspitzen stiegen nahe vor mir empor, durch eine einzige Eintiefung der Bergflanke noch von mir getrennt. Ohne Schwierigkeit gelangte ich bis an die Ecke ihrer Grenzmauern und sah eine breite und tiefe, von schmutzigen Schneefeldern erfüllte Schlucht sich vor mir aufthun. Auch hier war ein Eingang bald gefunden, ich kreuzte die hartgefrorenen Lawinenreste, steil hob sich vom Gegensaume in zackigen Riffen der Bregkörper, doch seine Ersteigung war nur Spielwerke im Vergleiche mit dem Grate der Hohen Wand. Schon winkten aus der Höhe mir die Signale der Jägerkarspitzen, ein Viertelstündchen noch und der hart verdiente Erfolg ist gewonnen – aber noch war dem Berggeist die Sühne nicht geworden für das Eindringen in's Allerheiligste seines Tempels, noch war er's nicht satt, seine Schreckgestalten gegen mich loszulassen, einzeln, wechselnd nach ihrer Art, als fände er sein Vergnügen daran zu zeigen, dass er vernichten könnte, ohne wirklich zu vernichten. Mit der Gewalt der trägen Ruhe, mit der Starrheit zurückweisender, für die Ewigkeit gegründeter Bollwerke hatte in der verflossenen Stunde ich gerungen und hatte sie überwältigt. Jetzt kam Leben in den todten Fels und unter meinen Tritten fing der Berg an, sich zu bewegen.

Kaum hatte ich thurmhoch über den Lawinengraben mich erhoben, so traf ich auf eine schräge, stufenlose Plattenlage, unter einer Wandstufe sich hindurchziehend. Mit einigem Zeitaufwand wäre das Hinderniss leicht zu umgehen gewesen, doch bot die Wand an einem vorspringenden Blocke so vortrefflichen Halt, dass ich es nicht für nöthig hielt; girff mit beiden Armen zu, setzte den linken Fuss in die Platten, wo eine kleine Unebenheit sich zeigte, und ein rascher Umschwung soll auf die nächste Schrofenstufe mich hinüber bringen – da bricht die ganze, mehrere Centner schwere Felsmasse aus der Wand, und wälzt auf ihrer abschüssigen Unterlage sich langsam um . . . . . . . des Haltes beraubt, gleitet der Fuss alsbald zurück, ich komme auf die Platte zu liegen und der umkippende Block berührt bereits meinen Hut, – ich sehe das Platt gegen rechts hinab sich wölben und schleudere mich im Fallen links, – an mir vorüber, so hart, dass er das Gewand noch streift, der Block, der krachend in mehrere Trümmer zerfällt und über die Wände hinunterpoltert, während ich, ebenfalls abkollernd, am rauhen Felsen bald wieder Halt fasse. Die ganze Katastrophe war das Werk einer Sekunde.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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