[Kalkalpen-Startseite] [Vorbemerkungen (bitte zuerst lesen!)] [Stichwortverzeichnis] [Impressum] [Kontakt]
Home XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette Ein Steinmann Spätere Speckkarspitzbesteigungen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette

Abstieg und Rückkehr zu den Herrenhäusern

Mittlerweile war die Sonne bereits ziemlich weit über ihren Mittagsstand vorgerückt, auch trübte sich der Himmel mehr und mehr, die vereinzelten Wolkenballen sammelten sich zu schwereren und schwärzeren Massen; es sollte auch dieser Tag nicht ohne sein Gewitter zur Neige gehen. Ich packte daher meine wenigen Ausrüstungs-Gegenstände zusammen, fügte ihnen den stereotypen Gipfelstein bei, und begann um 1 Uhr 30 Min. den Abstieg. Die Stelle, an welcher ich den Scheitelgrat betreten hatte, erkannte ich leicht wieder; schwieriger aber gestaltete sich das Zurückverfolgen der Anstiegsrichtung im breitgedehnten Gewände, und ich hatte bald Ursache, zu bereuen, dass übergrosser Ersteigungseifer mich die Vorsicht, Dauben in genügender Anzahl aufzulegen, hatte beseite setzen lassen. Der plattige, mit dünner Geröllschicht bedeckte Boden, das Absplittern jeglichen Vorsprungs der festen Gesteinsmasse war dem Abklimmen natürlich noch ungünstiger, als dem Aufwärtssteigen; das nach der Tiefe fortwährend zunehmende Gefäll der Bergflanke gestatte nur auf kurze Strecken vorwärts zu blicken, und so konnte ich auch die unteren Schneestreifen nicht gewahr werden, an denen die Linien meiner eingestossenen Tritte wohl zu erkennen gewesen wären. Den steilen Gürtelstufen fortwährend ausweichend kam ich allmählig viel zu weit links ab, und an den Schneeplätzen, denen ich begegnete, merkte ich bald, dass ich hier im Anstiege nicht gewesen sein konnte.

Das Wiederauffinden der ursprünglichen Bahn war jedoch kaum mehr zu hoffen, und ich blieb bei dem neu angelegten Plane. Von Stufe zu Stufe mich hinablassend und die Schuttbänder immer nach der linken Seite verfolgend, wobei die hohen Brüstungen abstehender Schneemasse mir wieder vortreffliche Dienste leisteten, gelange ich zuletzt an eine steil abschiessende, mit Schnee erfüllte Kluft; war ihre untere Ausmündung auch noch nicht abzusehen, so versprach sie mich doch in geradester Linie einer tieferen Zone zuzuführen, und ich nahm daher keinen Anstand, der mauergeschlossenen Hohlgasse mich anzuvertrauen. Tritt für Tritt sorgfältig ausstossend, was im Absteigen, wobei ich die Schritte höchstens ein paar Zolle tief nehmen durfte, eine sehr zeitraubende Arbeit war, kam ich nur langsam vorwärts, erreichte endlich einen schmalen Absatz und das scheinbare Ende der Kluft; um die Schrofenecke biegend sah ich aber den Schneegraben noch weit tiefer sich hinabstrecken und hatte nun augenblicklich in ihm die Bahn meines Anstieges wieder ekannt. Ich hatte vorher lediglich ihre oberste Zunge verfolgt, welche im Anstiege mir zu steil geschienen hatte; meine jüngste Erfahrung bewies das Gegentheil und ein künftiger Ersteiger wird am besten daran thun, der Rinne möglichst weit aufwärts zu folgen, um in die besser gangbaren Plattschichten zu gelangen; ein Mangel ihrer Schneeausfüllung in späterer Jahreszeit wird in ihr eher von Vortheil sein, als dass er Hindernisse bereitete.

Froh, das langwierigen und ängstlichen Umhersuchens überhoben zu sein, hielt ich mich fortan an den bekannten Weg, und hatte nun auch bald den sicheren Geröllboden am Fusse der Kuppe wieder erreicht. Das zurückgelassene Gepäck wurde wieder aufgenommen; es war 3 Uhr Nachmittags, und ich hatte somit eine halbe Stunde länger zum Abstiege als zur Ersteigung gebraucht, ein Missverhältniss, welches in dem fatalen Felscharakter dieser Gebirge seine Erklärung findet und erst bei lang andauernder Uebung etwas ausgeglichen wird. Den grünen Zweigkamm in der Höhe des Bettelkars, die steinigen Grashalden, die eingeschlossene Lehne ging's raschen Schrittes wieder hinab, und dann begann der lange, lange Quergang, durch all' die Kessel und Mulden, an den schroff absetzenden Zwischenmauern vorbei und über die plattigen Runsen bis hinüber an den Fuss des Lafatschers und an seiner gerippten Südflanke hindurch zur Strasse des Lafatscher Joches. Schon kurze Zeit, nachdem ich den Abstieg von der Gipfelkuppe vollendet, hatten da und dort um die Berghäupter die Wetterwolken sich zusammengezogen und die elektrischen Batterien das Fronleichnamsschiessen übernommen; und während ich die Becken des Grossen Speckkars durchquerte, gestalteten die Verhältnisse sich immer drohender, vom Inn-, vom Gleirsch- und Hinterauthale flog's rabenschwarz über den Grat herein, und über die Speckkar-Kuppen selbst rollten die schweren Gewölke in's Hallthal herunter. Und doch kam's nicht zu einem Ausbruche; einige Regentropfen fielen, und plötzlich war das Wetter fort, – wohin, das konnte Niemand sagen.

Um 5 Uhr 30 Min. langte ich an der Jochstrasse an, und um 6 Uhr zog ich bereits in den Herrenhäusern ein; vertilgte dort in Eile einige Flaschen Bier und ersuchte den dienstthuenden Knappen, mir bis zu meiner Rückkehr das Abendessen zu bereiten, ich wollte noch rasch nach St. Magdalena hinunter, um dem Jäger Franz Posch etwas vom Grossen Speckkarspitz zu erzählen. Freundlich sagte er es zu, meinte aber dabei etwas verwundert: "Werden denn Sie gar nie müd'?"

In 20 Minuten war ich unten in St. Magdalena; Posch war zurückgekehrt und sass vor der Hausthüre. Er fragte nach dem Erfolg meiner Recognoscirung, und ich erwiderte, es ginge schon so, wie ich gesagt, er solle nur den nächsten Touristen hübsch auf den Speckkarspitz führen, ich für meinen Theil sei schon oben gewesen. Dann reichte ich ihm das Fernglas und wies ihn auf den östlichen Eckpunkt des Scheitelgrates (im Hallthale erscheint dieser als der höchste Punkt der Kuppe), wo der Steinmann mit voller Deutlichkeit zu erblicken war. Wohl machte der Gemsenjäger grosse Augen über den seltsamen Fremden, den dieser Sommer in die Berge des Hallthales hereingeführt hatte; er liess sich indess mit sichtlich grossem Interesse die Einzelheiten der Besteigung von mir erzählen und versprach baldigst den Versuch selbst anzustellen, um künftigen Ersteigern als sicherer Führer dienen zu können.


Copyright © http://alpinhistorie.bergruf.de/barth/kalkalpen/
Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

Home XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette Ein Steinmann Spätere Speckkarspitzbesteigungen