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Home XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette Umkehr, Krummholz und Platten an den Flanken des Hallthales Ein Plan und eine Rekognoscirung
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette

Der Grosse Speckkarspitz unersteiglich; seine verschiedenen Benennungen

Der Plan für den folgenden Tag konnte den Umständen gemäss kein anderer sein, als den Speckkarspitz alsbald zum zweiten Male, auf kürzerem und wenn möglich besserem Wege anzupacken. Einige Auskunft mir zu erholen, obgleich ich hierauf keine allzu bestimmten Hoffnungen baute, stieg ich am jenseitigen Thalgehänge nach St. Magdalena hinauf, wo der mit der Jagdaufsicht betraute Knappe Franz Posch seinen Wohnsitz hat. Ich traf denselben glücklich zu Hause und fand ihn ihm einen rüstigen, ziemlich intelligent aussehenden Mann, welcher auf die ersten Fragen nach dem Hallthaler Gebirge und nach seinen Gipfel ziemlich genaue Kenntniss desselben verrieth. Die Kuppen des Speckkar-Gebirges bezeichnete er mir als "Bettelkarspitzen"*), setzte mir auseinander, wie man vom Lafatscher Joche her auf bestem Wege an deren Fuss gelange und wie auch die kleinere Kuppe erstiegen werden könne; auf den höchsten Spitz aber komme Niemand, das hätten schon Mehrere, er selbst auch, versucht, aber es ginge durchaus nicht. **)

*) Der Name "Fallerhochspitzen des Katasters ist nirgends gebräuchlich; andere Benennungen, die man für das Speckkar-Gebirge zuweilen zu hören bekommt, die aber für dasselbe offenbar nicht passend, sind Walder-Rücken und Haller Salzberg. Im Hallthale ist, wie im Texte erwähnt, der Name Bettelkarspitzen gebräuchlich; der Oestliche Lafatscher heisst hier Speckkarspitz. Da im Innthale der ganze Gebirgsstock unter dem Namen Speckkar-Gebirge bekannt ist, so habe ich die Hallthaler Special-Benennungen fallen lassen zu müssen geglaubt und bezeichne die Gipfel des Speckkar-Gebirges als Speckkarspitzen. Den Hallthaler "Speckkarspitz" adoptirt, wie die ihm beigemessene Höhe von 8021' 2606 m. zeigt, auch der Kataster; die Generalstabskarte schreibt über das ganze Gebirge hin zweimal das Wort Speckkar, welches indess eigenthümlicher Weise die in der Schraffirung sehr wohl angedeuteten Gipfelkuppen gar nicht trifft.
**) Es war gleichwohl der Grosse Speckkarspitz damals nicht unersteiglich und meine nachfolgend beschriebene Ersteigung ist, wie sich nachträglich herausstellte, nicht als eine erste zu betrachten. Durch meinen Freund, Prof. v. Barth in Innsbruck, wurde mir nämlich die Mittheilung, dass er als Gymnasiast unter Führung eines Wildschützen persönlich den Grossen Speckkarspitz betreten habe. Es scheint daher dessen Ersteigbarkeit, von welcher im Hallthale niemand etwas wusste, lediglich seit langen Jahren in Vergessenheit gerathen zu sein.

Das war schlimme Auskunft für mich, obgleich dieselbe vorerst nur die Bedeutung hatte, dass ich auf fremden Rath verichten musste; denn von einem Aufgeben meines Vorhabens konnte natürlich keine Rede sein, so lange ich den Versuch nicht persönlich angestellt, mich überzeugt, ob die Hindernisse wirklich unüberwindlich, und wenn ja, ob sie nicht durch ein einfaches künstliches Hilfsmittel zu beseitigen seien. Auch Posch interessierte sich, besonders, nachdem er gehört, dass dieser Spitz der höchste in der ganzen Umgegend sei, lebhaft für mein Vorhaben. Er meinte, ein Steinpickel könnte gute Dienste leisten, Stufen in die Steilabsätze des Gipfelbaues zu brechen (meiner Erfahrung zufolge ist auf Stufenhauen im Fels durchaus kein Verlass und an einer stufenlosen Wand eben einfach nichts auszurichten); er setzte auf seinen Steinpickel so hohes Vertrauen, dass er vorschlug, vom Kleinen zum Grossen Speckkarspitz auf dem Grate überzugehen.

Ich wies dagegen auf die Mitte seiner breiten Südflanke hin: die schräg von Rechts gegen Links ansteigenden, durch die vorstehenden Köpfe der Plattschichten gebildeten Wandgürtel wurden hier durch eine in entgegengesetzter Richtung in's Gewände hinaufgerissene, mit Schnee angefüllte Kluft in rechten Winkeln durchschnitten; – gelingt es, vom grünen Kamme, der das Speckkar vom Bettelkar scheidet, über die allerdings völlig kahlen untersten Felsabsätze hinauf die Ausmündung dieser Spalte zu erreichen, dann – mit Bestimmtheit sprach ich das jetzt schon aus – dann ist die Sache gewonnen, denn man befindet sich dort in der Zone der minder mächtigen, verwitterten Felsschichten, und Verbindungstreppen müssen an ihren langgestreckten Wandstufen hin nach dem Scheitelgrate sich finden.

Ich schlug Posch vor, sogleich am kommenden Morgen die Expedition anzutreten; das hatte aber sein unübersteigliches Hinderniss an dem morgigen Fronleichnamsfeste, das ihn hinab zur Kirche rief. Uebermorgen denn – ich will morgen einmal ein wenig recognosciren, auf Wiedersehen abends in St. Magdalena! – und ich stieg wieder hinauf zu den Herrenhäusern, verzehrte nachdenklich mein Abendmahl und träumte vom Speckkarspitz.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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