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Home XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette Das Haller Salzthal [1870] Isstthal, Lafatscher Joch und Oestlicher Lafatscher
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XV. Der Grosse Speckkarspitz in der Hallthaler Kette

Die Herrenhäuser

Eine starke Stunde von Hall entfernt zweigt von der Strasse ein Fusspfad nach der linken Seite ab, der steil durch Wald und Busch nach St. Magdalena emporführt, ausser dem Salzwerke die einzige, nur aus 2 Häusern und einem Kirchlein bestehende Ortschaft des Thales; eine kurze Strecke horizontalen Weges leitet von dort wieder auf die Strasse hinaus. Auch diese letztere steigt, dem Gefäll der Thalsohle angepasst, stark in die Höhe; zu ihrer Rechten breitet das Gehänge schwärzlich grüner Legföhrendickung sich aus, durchsetzt von ungeheuren Flächen glattgeschliffener, hellgrauer Plattentafeln. Ein niedriger, bewaldeter Bergrücken beginnt nun das Thal zu spalten; seine geradlinige Fortsetzung verläuft in einen buschigen Grund, in welchen kein – oder doch nur ein sehr verborgener Pfad sich fortsetzt; die Strasse biegt links ab in eine seitliche Thalbucht, die bald mit Trümmerfeldern schliesst, von senkrechten Mauern und den von jenen ausstrahlenden Zackenrinnen gesperrt.

Die Umgebung gemahnt mehr und mehr an die Nähe von Menschenwerk. Der Bach ist in ein enges Bett gezwängt, stürzt in künstlich geregelten Absätzen zu Thal. Hier und dort öffnet sich am Bergfusse ein gezimmerter Stollen, eine breite Schutthalde grünlich-grauen Kalkmergels und Sandsteins vor seiner Ausmündung. Noch einige Biegungen der Strasse und am Berghange zeigen sich die zweistöckigen Gebäude der Herrenhäuser; in weiter Serpentine bewältigge die Strasse den letzten, steilen Anstieg und auch an den Gebäuden selbst ist der Neigungswinkel der hinter ihnen sich erhebenden Bergflanke ein so beträchtlicher, dass man in jedes Stockwerk des Hauses ebenen Fuasse hineingehen kann.

Ein herrlicher Ausblick öffnet sich von der Terrasse vor dem Gebäude, oder vom eiserne Balcone des 1. Stockes gegen Osten. Die bedeutende Höhe, welche mit 2 1/2stündigen Ansteigen gewonnen worden, lässt über die enggeschlossene Pforte des Hallthales hinweg einen grodssen Theil des Innthaler Gebirges wieder überschauen, in welchen das Kellerjoch bei Schwaz mit dem Kapellchen auf seinem Gipfel besonders augenfällig hervortritt. Auch in Nordost haben sich die Gipfel – hier die Häupter des nahen Speckkar-Gebirges – wieder frei erhoben und zeigen ihren plattig geschichteten Bau, zeigen die weiten, flachen Schuttbecken, aus denen ihre Grundmauern emporstreben und die gewaltigen Wände, welche vom Rande jener Hochthäler zur Tiefe ihres Sammelthales niederstürzen. Eine eigenthümliche Felsgestaltung zeigt sich, nahe dem Fusse des Gebirges, an diesem Wandmassive; ein ziemlich voluminöser, scharf ausgespitzter Zacken hat sich vom Bergkörper völlig losgerissen und eine breite, beiderseits von senkrechter Mauer eingefasste Kluft gegen jenen gebildet; ein steiles Schuttfeld erfüllt diese Tiefe, welche im Hallthale unter dem Namen Bettelwurf bekannt ist.

Ich meldete mich bei meiner Ankunft sogleich bei dem Herrn Schichtmeister, und es wurde meine Bitte um Herberge für einige Tage behufs Besuches der Hallthaler Gipfel in zuvorkommendster Weise gewährt. Den kurzen Rest des Tages benützte ich noch, die Mineralien- und Petrefaktensammlungen des Bergbaues, sowie die Modelle der einzelnen Werke in Augenschein zu nehmen, welch' letztere in äusserst übersichtlicher und instruktiver Weise ausgeführt sind, und die Eigenthümlichkeit des Haller Salzwerkes, dass seine Schächte und Stollen, statt in die Tiefe niederzugehen, in immer höhere Etagen des Gebirges emporsteigen, zur klane Anschauung gelangen lassen. Besondes Interesse brachte ich den Karten entgegen, welche, zum Theil Handzeichnungen, von der Gebirgsumgebung des Bergwerkes sich vorfanden; ich hoffte in denselben einige für meine nächsten Zwecke werthvolle Aufschlüssel zu erhalten, fand jedoch leider die gleiche Unklarheit und stellenweise offenbare Unrichtigkeit der topographischen Darstellung, wie in den publicirten Kartenwerken, von welchen diese Zeichnungen vermuthlich nur vergrösserte Copieen waren.

Bei zeiten verfügte ich mich zur Ruhe, welche ich hier, in gutem Feldbette, als wirkliche Schlafesruhe geniessen konnte, statt des gewöhnlichen, abspannenden Halbschlummers auf dem Alpenheu; und früh des anderen Morgens brach ich wieder auf. Es führte mich dieser Weg über die lange Gipfelreihe des Backofenskars, zunächst auf den Westlichen Lafatscher, von diesem den Grat entlang über den Kälberkar- zum Backofenspitz, von Nordwest auf den Rosskogel, und die zähnestarrende Schneide des letzteren zum Stempeljoch hinab*); diese 8stündige Gratwanderung hatte mir die Erledigung der gesammten westlichen Hälfte der Hallthaler Kette in der nicht geträumten Kürze eines einzigen Tages eingebracht und, wenngleich durch Nebel und Gewitterwolken vielfach gestört, doch im Ganzen ein meinen Zwecken genügendes Resultat geliefert. Den gesuchten, erhabenen Culminationspunkt des Hallthaler Gebirges hatte ich sofort in der höheren der beiden Kuppen des Speckkar-Stockes erkannt. Diesem war der zweite meiner Wanderungstage im Hallthale bestimmt, und ich gedachte auch diesen zweiten Tag in möglichst gewinnbringender Weise auszunützen, an ihm die östliche Hälfte der Hallthaler Kette, insoweit deren Gipfel mir des Besuches werth erschienen, abzuthun. Mein nächstes Ziel war daher der pyramidale Berggipfel im Osten des Lafatscher Joches.

*) Eine ausführliche Beschreibung dieser Tour, siehe Alpenfreund, Bd. VI, H. 4: "Auf den Graten des Hallthales."


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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