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Home XX. Im Hoch-Glück Aufstieg in's Hoch-Glückkar Auf den Gipfel; missliche Besteigungs-Verhältnisse
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XX. Im Hoch-Glück

Die Hoch-Glückscharte

3 1/2 Stunden nach Aufbruch von der Eng war ich in der höchsten Mulde des Hoch-Glück-Kars angelangt; ihre ebene Sohne bot mir noch feste, völlig vegetationslose Platten, gerundet, zerspalten, zu Hügeln und Thälern in Miniatur ausgewaschen; dann ging's in die Geröllfelder hinein, aus welchen nur hier und dort noch ein schrofiger Felsrücken hervorragt. Dier verhältnissmässig noch frühe Jahreszeit liess mich bald an den Rand der Schneefelder gelangen, und in wachsender Steigung, die allmählig das Austreten von Stufen gebot, nahte ich dem Fusse der Wände, den Thurm um Weniges zu meiner Rechten lassend; in Berührung mit dem Felsen an jener Stelle, welche ich als die dem Anstiege günstigste erachtete, sah ich am Körper des Thurmes vorüber noch auf das Schneefeld, das in die westliche Scharte sich hineinzieht; zur Linken stand mir der Körper des Hoch-Glück, dessen Gipfel seit Langem bereits unsichtbar geworden war. Die plattige, stufenarme Beschaffenheit des Felsens nöthigte alsbald zum Anlegen der Eisen; die letzte, in's Gewände sich ausspitzende Schneezunge musste ihrer allzu starken Neigung und der Unsicherheit ihres Bodens halber – sie war an mehreren Stellen bereits eingebrochen – bald verlassen werden, in kurzen Zickzacklinien, auf den schmalen Mauergesimsen ein halbes oder Drittheil Eisen einsetzend, arbeitete ich mich zur Höhe, die, erst ganz nahe erscheinend, immer weiter vor mir zurückrückte. Eine äusserst steile, mit losem, durch den Frost verkitteten Geschiebe angefüllte Runse, die gleiche, welche ich bereits unten im Kar wahrgenommen, bezeichnete mir die Anstiegslinie zum Grat. Haltlos und brüchig war hier alles Greifbare und unter der aufgewitterten Oberschichte der blanke, abgeschliffene Fels; wo immer der Arm einen vorspringenden Zahn erfasste, dem stets zurückgleitenden Fusse nachzuhelfen, da brach er aus der Wand wie ein Stück faules Holz, und ich hatte nur dafür zu sorgen, von dem abkollernden Getrümmer nicht getroffen oder gar mitgerissen zu werden. Gerassel, Gepolter, brenzlicher Gestank um mich herum ohne Mass und Ende. Der eventuelle Rückweg durch diese Kluft versprach nicht sehr angenehm zu werden; doch hoffte ich jenseits des Grates bessere Verhältnisse zu treffen, – begann ich ja die Ersteigung von einer im Karwendel-Gebirge überhaupt ungewöhnlichen Seite. Zunächst war ich vollkommen zufriedengestellt, als endlich doch die Spalte sich weitete, lichtete und zu einer Geröllsinke sich ausflachte unc ich den Hauptgrat des Vomperkammes betrat; 10 Uhr 30 Min. Vormittags.

Das gewaltige Speckkar-Gebirge hatte nunmehr im Süden sich mir gegenüber gestellt; angelegentlicher jedoch, als nach der Höhe und nach der Fernsicht überhaupt richtete mein Auge sich der nahe gelegenen Tiefe zu. Dort lag eine mässig breite, gerundete Schuttmulde, ihre Thalfortsetzung schien noch mehrere, terassenförmig abgesetzte Becken zu bilden, und in der tieferen Krummholzregion zur Schlucht sich zusammen zu schnüren; – das Oedkarl*). Hohe, felsig schroffe Bergkämme begleiteten seinen Lauf hinab zum Vomperloch; westlich der Ausläufer des Eiskarlspitzes, links jener des Hoch-Glück; ersterer ohne augenfällige Aufgipfelung, letzterer von zwei gewaltigen, völlig kahlen Pyramiden gekrönt – Kaiserkopf und Huderbankspitz. Die günstige Terrain-Beschaffenheit, welche ich von der südlichen Gebirgsflanke erwartet hatte, liess mich völlig im Stich; steiles Gefäll, zu unterst wahrscheinlich Steilabsturz, auch jenseits; das Massiv des Thurmes prall hervortretend, die Verbindung zwischen beiden Scharten völlig unterbrechend. Ich hatte allen Grund, mit der vorsorglichen Anlage meines Ersteigungs-Planes zufrieden zu sein, geringeren Anlass, mich der erkundeten Lokal-Verhältnisse zu freuen, denn für den Rückweg blieb nun wohl keine andere Wahl, als die zwischen der eben durchstiegenen Kluft und einem neuen, in höheren Grade noch problematischen Versuch. Indess blieb diese Frage vorerst in zweiter Linie, nach wenig Minuten Umschau wandte ich mich ostwärts und begann die nunmehr gesicherte Ersteigung des Hoch-Glück.

*) Der gleiche Name findet sich an der Südseite der Hinterauthaler Kette, zwischen Oedkar- und Seekarspitz.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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