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Home XX. Im Hoch-Glück XX. Im Hoch-Glück Von der Riss an den Achensee und zurück; Alarmirende Gerüchte [1870]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XX. Im Hoch-Glück

Das Hoch-Glück; seine Gipfel und Gletscherkare

Schroff ummauert gleich den Alpenkesseln von Laliders und Ladiz schliesst auch das dritte Quellenthal der Riss, die Eng, vom Blaubache durchflossen. Die gewaltigsten Häupter des Vomperkammes sind es, welche in ihren grünen Grund herunterschauen: Grubenkarspitz, Nudeltrog, Spritzkarspitz – sie setzen die Riesenwände fort, welche die Schranke von Laliders bilden; prall, gliederlos stürzen sie in einer Flucht vom Grat zum Thal. An sie reiht sich ein schönes Gipfelpaar, das zwischen sich eine tiefe Passeinsenkung des Gebirgskammes lässt: die breite, wellige Kuppe des Eiskarlspitzes*) und die schlanke Pyramide des Hoch-Glück.

*) Der Name wurde von mir gegeben; ich erfuhr an Ort und Stelle keine Benennung für diesen Gipfel, und ebensowenig wurde mir aus Karten und sonstigen Behelfen ein anderer Name als Hoch-Glück bekannt, welcher unzweifelhaft dem östlichen Gipfel zukommt.

Die Scharte, welche sie zwischen sich lassen und welche durch einen eckigen Turm in zwei enge Felsenthore getheilt wird, bildet einen der seltenen Uebergänge von der Nord- auf die Südseite des Gebirges, aus dem Blaubachthale in's Vomperloch. Weite, hügelige Mulden, durch niedrige Gratrücken mehrfach getheilt, ziehen sich zwischen den Felsmassiven hinauf bis zum lichten Durchschnitte der Mauer; buschige Gehänge, vereinzelte Alpwiesen, bekleiden ihre tieferen Zonen, die wieder auf einem Fundamente von Steilwand ruhen, von steilwandigen Gürteln durchzogen werden. Spärlicher Graswuchs auf welligem Hügelboden, ödes Plattert in flachen Becken, auf breiten Terrassen, charakterisirt die Mittelzone, die Grenze der Vegetation; noch höher hinauf decken Geröllhalden die tief in die Gipfelkörper hineingreifenden Kessel, und im Schatten ihrer feuchten Mauern lagert Schnee und Eis über dem Schutt. Durch zackige Riffe spitzen die schmalen, weissen Zungen sich empor zu den Eintrittspforten des Vomperlochs. Und diese weite Oede, einsamer noch durch das entfernter Zurücktreten der Wände und Grate, durch den freien Raum, den sie der Bewegung, nicht dem Gedeihen des Lebens gewähren, sie führt, wie Ironie, den Namen Im Hoch-Glück!. – Ja, Glück braucht's hoch auf jenen Zinnen, weil Einer auf ihnen weilen, will er die Wanderung vollenden hinunter, an's Felsenufer des Vomperbachs, durch seinen langgewundenen Schlund hinaus zu menschlicher Wohnung.

Eine, nicht blos in der Karwendel-Gruppe, sondern in den nördlichen Kalkalpen überhaupt seltene Zierde besitzt das Thal der Eng und das Gebirge, welches seinem Boden entsteigt. Westlich der grossen Mulde des Hoch-Glück, im Felsenkörper des Eiskarl- und Spritzkarspitz ausgehöhlt, lagern zwei kleine, durch einen breiten Rücken getrennte Kessel, welche in tieferer Zone sich vereinigen; dort bergen sie noch Schutt und Getrümmer und auf hügeligem Plattenboden kärglichen Graswuchs, wie das Hoch-Glück; die getheilten Kessel aber, von den Wänden der Gipfel gewaltigen Kellern gleich ummauert, geben kleinen Gletschern die zu ihrer Existenz nothwendige Bergung und führen aus den Gräben und Klüften ihrer Felsumwallung allwinterlich ihnen Nahrung zu, sich zu verjüngen. Hell glänzen diese Eisfelder*) herunter auf die Eng-Alpe; durch die Schneedecke schimmert hier und dort lichtblau das blanke Eis hervor. Der Silberfaden eines Bächleins schlingt sich durch die Schuttfelder und Hügelwellen des Kars und hängt als weisser Dunstschleier über den Steilwänden, die noch mehr denn tausend Fuss [300 m] tief vom Rande des Beckens zu Thal stürzen. Was vom tiefen Grunde aus das Auge nicht erspäht, das eröffnet der Blick aus Gipfelhöhe**): eine Zerschründung dieser kleinen Gletscher, welche jedem Eisfelde der Tiroler Central-Alpen alle Ehre machen würde. Spalte drängt sich an Spalte, blaugrün schillert aus ihrer Tiefe der compacte Firn, halb eingebrochene Schneebrücken überspannen die Grüfte und von ihren vorstehenden Kanten hängen Festons verzackter Eisgebilde in das frostige Düster hinab. Der Zugang zu diesen Becken, welche gemeinsam als die "Eiskarl'n" bezeichnet werden, führt aus der Mulde Im Hoch-Glück über den niedrigen Wall, der westlich die letztere abschliesst und mit dem Steilabsturze des gesammten Bergmassivs sich verschmilzt, quer hinüber, – ein schmaler, anscheinend nicht ganz leicht zu begehender Steig; von allen anderen Seiten ist dieser Gebirgskessel, in welchem man immerhin ein paar Stunden lang umherspazieren könnte, völlig abgesperrt. Wie dieser niedrige Felsrücken im Westen, so schliesst im Osten das "Hoch-Glück" der Kaiser-Grat, ein ebenfalls nur wenig hervorragender Felskamm, welcher dem Fusse des Schafkarspitzes entspringt; an den Gipfel "Hoch-Glück" reiht östlich sich das Massiv Schafkar-Lamsenspitze, welches, wie bereits früher erörtert wurde, in nördlicher Richtung den Gramai-Grat als erstes Glied des Sonnjochkammes entsendet, welcher als Wasserscheide zwischen Riss und Achensee das Blaubach- vom Falzthurnthal trennt und durch das Plumser Joch mit dem nördlichen Riss-Achensee'r Gebirge zusammenhängt.

*) Es erschien mir bemerkenswerth, dass der Alpenwirth in der Eng dieselben mit dem ost-alpinen Ausdrucke "Kees" bezeichnete. Die Generalstabskarte hat diese Bemerkung falsch verstanden und darauf, da ihr "Käs" für die Alpen-Benennung vermutlich nicht passend erschien, ein "Kaskar" gemacht.
**) Ich machte diese Beobachtung auf dem Spritzkarspitz am 2. September 1870.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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