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Home XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck Die Brandjoch-Solsteingruppe Das Innsbrucker Mittelgebirge
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck

Fahrt nach Innsbruck [1870]

Berg um Berg, Mauer um Mauer, Spitze um Spitze ogen sie vor meinen Blicken am Waggonfenster vorüber, die erhabenen Vorposten des grossen Bergrevieres, als ich am 30. Mai 1870 mit den Nachmittagszuge das Innthal hinauf, der Hauptstadt Tirols zueilte; es galt ein Licht zu werfen in's Herz dieses verlassenen Gebirgslandes, das von alpinen Beschreibungen, von Panoramen und Karten gleich stiefmütterliche Behandlung bislang erfahren hatte, das eben aus diesem Grunde seit Jahren bereits mir im Sinne gelegen war. Jetzt tauchten sie, coulissenartig hinter einander geschoben, langsam vor mir auf, die altersgrauen Colosse, mit denen ich in den nächsten Tagen und Wochen den Ringkampf bestehen sollte: das Irdeiner und Hintere Sonnwendjoch tritt zurück, am tiefen Thaleinschnitte, der zum Achensee empor leitet, vorüber, betrete ich die Grenzen meines Gebietes. Der Doppelkegel der Mittagspitzen, die edle Pyramide des Hoch-Nissel [Hochnissl] erscheint über dem geradlinigen, bebuschten Rücken des Stanzer Jochs; St. Georgenberg zeigt sich hoch über der Schlucht des Stallenthals, und wenige Minuten später gähnt der düstere Schlund des Vomperlochs mir entgegen, einige spitze Felszähne in seinem Hintergrunde – ich kenne sie nicht, und noch kennen sie mich nicht, doch sie werden mich wohl kennen lernen in der Folge. Noch deckt die Tiefe wieder wald- und wiesengrüner Berghang, auf seinem Scheitel die Walderalpe, und drüber steigt der scharfe Zacken des Walderspitzes auf und höher noch und immer höher thürmt sich's empor, bis dass das Speckkargebirge seine ganze gewaltige Wand mit seinen beiden breiten Köpfen und der langen, zerscharteten östlichen Schulter entfaltet hat; weit auf schliesst das Hallthal seine Krummholzbetten und weiten, öden Schutthalden, und wieder zeigen sich kahle Riesengipfel in seinem fernen Hintergrunde. Und nun tritt das Innthaler Gebirge gegen Norden und Osten vor, die lange Reihe formloser Gipfel, grün angeflogen bis zu ihren Scheitel hinan – die reizen mich nicht besonders, wenngleich ich der Vollständigkeit wegen ein und den andern dieser Kette werde besuchen müssen. Doch da erscheint an ihrem westlichen Abschlusse der lichte Sattel von Frau Hütt [Frau Hitt] mit dem abenteuerlich geformten Zackengebilde und weiter gen Westen schwingt sich der Grat fast geradlinig auf zu neuer, mächtiger Gipfelhöhe; noch kann ich nicht unterscheiden, wo der eigentliche Culminationspunkt liegt, aber ein bedeutender ist hier ohne Zweifel zu suchen, – der Anstieg kann unmittelbar von Innsbruck herauf angetreten werden – eben recht für morgen!

Ueber die letzte Innbrücke, über den Steindamm mit seinen vielen hundert Bogen fährt der Bahnzug in die Station Innsbruck ein; ich lasse ihn die Fahrt über den Brenner alleine fortsetzen, und während die Rufe der Wagenführer und Lohnbedienten "Goldene Sonne – Hôtel d'Europe – Oesterreichischer Hof" u. s. w. mir um die Ohren schwirren, belade ich mit meinem Reiseköfferchen und Bergstock den Schiebekarren eines Packträgers und trage ihm auf, mich zu einem Wirtshause jenseits des Inn zu führen; habe ich doch alsdann die Berge, die ich besteigen will, unmittelbar vor mir und nicht nöthig, bei Ausmarsch oder Heimkehr zu unbequemer Tagesstunde in meinem wenig eleganten Bergkostüm von ganz Innsbruck mich begaffen zu lassen.

Wir wanderten demnach über die Innbrücke und hielten am Goldenen Greif, welchen mein Dienstmann besonders warm mir anempfohlen hatte. Etwas enttäuscht allerdings betrachtete ich mir das enge, ältliche Gebäude mit den kleinen Fenstern, der dunklen Thür nach dem Höttinger Wege hinauf und den holperigen Bretterstufen davor; indess "der Schein trügt" – wenn nicht immer, so doch manchmal, und auch diessmal hatte ich allen Grund, die Wahrheit des Sprichwortes anzuerkennen; ich befand mich während der Zeit, da ich in Innsbruck Standquartier hielt, vortrefflich in dem kleinen Häuschen, welches den bescheidenen Anforderungen eines Bergwanderers in jeder Beziehung gerecht zu werden verstand.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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