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Home XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck Fahrt nach Innsbruck [1870] Zu den Höttinger Alpen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck

Das Innsbrucker Mittelgebirge

Als mein Gepäck auf's Zimmer geschafft war und ich mich provisorisch eingerichtet hatte, unternahm ich sofort zur vorläufigen Orientirung noch einen Abendspaziergang auf die Terrassenhöhe oberhalb Innsbruck, das sogenannte Innsbrucker Mittelgebirge. Eine eigenthümliche Formation, aus Sand und Geröllschutt aufgebaute Bergstufe von mehreren hundert Fussen Höhe, ihr Rand in wunderlichen Gestalten ausgebildet, bald halbrunde Bastionen, bald spitze Kegel von mathematisch regelmässiger Gestalt, häufig mit kleinen Häuschen auf ihrem Scheitel besetzt, die steil abschiessenden Flanken grün berast, um so wilder die eingerissenen Gräben, die trümmerführend zwischen ihnen hindurchbrechen. Bald lernte ich auch den wenig anziehenden Charakter der Wege kennen, welche die Südflanke des Innthaler Gebirges durchziehen: Runsen zwischen den Krummholzhügeln, Pfad bei trockener, Bachbette bei nasser Witterung; mit gewaltigen Rollblöcken überworfen, von losgerissenen Aesten und Baumstrünken stellenweise ganz gesperrt, kurz, in jeder Beziehung dem verlassenen Laufe eines Sturzbaches ähnlicher als einem für Menschen und Vieh bestimmten Wege.

Ich stieg eine halbe Stunde lang aufwärts bis zu einer freien Terrasse über der Tiefe einer Schlucht, welche bei Ried in den Inn ausmündet. Von hier aus recognoscirte ich den Weg, den ich andern Tages nach den Höttinger Alpen einzuschlagne hatte. Winzig klein erscheinen sie am grünen, vielfach gefurchten Berghange angeklebt, noch eine weite Strecke vom Scheitel des Gebirgsgrates entfernt; eine ausgedehnte, flache, dichtbewaldete Mulde breitet auf der Terrassenhöhe sich aus und hebt sich langsam gegen die Bergflanke hinan, dunkler Wald und Busch bekleidet die rundlichen Zweigrücken zwischen den eingemauerten Schluchten. In ungefähr gleichem Niveau mit dem Frau Hütt-Sattel [Frau Hitt] beginnt am Hohen Brandjoch die Felsregion, hell weisslich-grau schimmert die Kalklehne herab in's tiefe Grün der Gebirgsflanke. Sie culminirt in einer kleinen, rundlichen Kuppe, von welcher ein zerhackter Felsgrat in abenteuerlichen Zackengestaltungen sich fortzieht, und, allmählig sanftere Formen annehmend, mit einer gerundeten Bergflanke endet; von dieser senkt ein schuttbedeckter, bald mit Grün sich überziehender Berghang ebenflächig sich herab zu breiter Terrasse; der bewaldete Achselkopf mit seiner Abdachung auf das Mittelgebirge bildet den Schluss.

Man wird von Innsbruck aus, oder, wie ich am Abende meiner Ankunft es that, noch näher an den Fuss des Gebirges herantretend, sich leicht versucht fühlen, die Gratfortsetzung des Höttinger Solstein – dieser, auch Vorderer Brandjochspitz genannt, bildet den höchst sichtbaren Punkt – als den Hauptgrat zu betrachten und demzufolge auch dessen abschliessende Ecke, welche ein weithin sichtbares Kreuz trägt, inletzterne zu verlegen; ein Spaziergang auf den Berg Isel stellt die wahren Verhältnisse weit richtiger dar und erleichtert die Orientirung. Ich trat, mit dem erwähnten Irrthume behaftet, meine Bergfahrt des folgenden Tages an, und wenn auf deren Resultat dieser Irrthum auch keine Einwirkung zu üben vermochte, so veranlasste derselbe doch mancherlei, zum Theil keineswegs angehme Täuschungen.

Die Wetterwolken, welche den Nachmittag über drückend auf dem Gebirge gelegen hatten, verstrichen und lösten sich in den Masse, als die sinkende Sonne ihre Glutstrahlen dem Thale und der tieferen Gebirgszone entzog und von den Felsenkämmen herab der kalte Luftstrom in die Tiefe sich ergoss; in wechselvoller Beleuchtung, theils Abendglanz, theils tiefe Wolkenschatten, lag der reichbevölkerte, fruchtbare Innthal zu meinen Füssen. Schneegefleckt erhebt sich drüben das Glimmerschiefergebirge in seinen weichen Formen, Wildseekopf, Glungezzer [Glungezer] und Patscherkofel; die Vorberge des Stubay [Stubai], die Sailespitz, die schlanke Pyramide der Waldrast, die klotzigen Thürme und zierlichen Nadelspitzen der Kalkkögel. Bei einbrechendem Dunkel siteg ich herab nach meinem kleinen Hôtel, zu Nachtmahl und Ruhe. Das erste Morgengrau erweckte mich, und noch waren die hellsten Sterne am Himtel nicht verblichen, als ich den ersten Fuss an's Nordtiroler Kalkgebirge setzte...... Es werde Licht!


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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