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Home XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck Der Gipfel; Aussicht Abstieg durch den Höttinger Bach und Rückkehr zur Innstadt
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck

Gewissenhaftigkeit eines Schuhkünstlers

Das drohender heraufziehende Gewitter mahnte zum baldigen Abmarsche, ich verfolgte eben noch einen Lastzuge auf dem Schienenwege des Brenners, wie er bald in den Tunnes verschwand, bald zu ihren dunklen Mündungen wieder herausdampfte. Ein dumpfer Krach in meinre nächsten Nachbarschaft störte diese Betrachtungen: die Schneehaube des Gipfels war hinabgebrochen und stäubend schossen ihre Trümmer hinunter über die Wände. Obgleich der Vorfall durchaus keine Gefahr in sich schloss, empfand ich doch einen seltsamen Eindruck davon und blickte fast scheu durch die geöffnete Leere, den zerschellenden Resten des winterlichen Gebildes nach.

Zwei Minuten später war der Bergsack gepackt und geschultert, die Fussbewaffnung wieder festgeschnallt, abwärts ging's wieder gen Osten, den Grat entlang. Seit haltloses Gestein erheischte an den steilen Abstufungen noch grössere Vorsicht als im Aufsteigen; doch hielten die Eisenzacken fest in den Ritzen des Felsens und langsam, aber sicher, sah ich die Gipfelhöhe über mir wachsen, den Trümmerboden des Kar's mir nähe rücken; da plötzlich, an der steilsten, heikelsten Stelle, wankt der behutsam eingesetzte Fuss, gleitet stolpernd über einen unbekannten Gegenstand, eine rasche Anspannung aller Kräfte bringt mich eben noch rechtzeitig auf den vorigen Standpunkt zurück. Ich sehe am Fusse nach – das Eisen hängt locker am Schuh. Gebrochen? – Nein; dieses häufige Intermezzo von Hochgebirgsfahrten kommt mit Algäuer Eisen nicht vor. Aber der Sporn im Schuh, in welchen der Bügel des Eisens eingehangen wird, war herausgefallen, dieses dadurch des nothwendigsten Haltes beraubt. Was fragt ein Schuhkünstler nach dem Zwecke eines solchen Sporns – nach den naheliegenden Folgen seiner lüderlichen Arbeit? – Ich zog mir übrigens aus dem Zwischenfall die gute Lehre, der Schusterarbeit in diesem wichtigsten Punkte mich nicht mehr anzuvertrauen; bekomme ich neue Bergschuhe, so treibe ich höchst eigenhändig in jeden der Absätze eine tüchtige Schraube ein – die hält sicher!

Es war kein Leichtes, auf meinem beschränkten Standorte das Eisen wieder in die gehörige Lage zu bringen und mit Spagat nothdürftig zu verschnüren; doch gelang es schliesslich, einen dienstfähigen Zustand wieder herzustellen, und den schroffen Felskegel definitiv zu verlassen. In einer weiteren Viertelstunde war ich auf dem niedrigen, östlichen Gipfel zurück und begann ungesäumt den Abstieg nach der Höttinger Schäferhütte. Auch dieser gestaltete sich weit schwieriger, als das Emporklimmen und namentlich die Schneerinne und der Felsenrücken nebenan gaben viel zu denken und manch' harte Nuss zu knacken. Ueber das stufige Gehänge erreichte ich nach einer starken Stunde die Hütte; erst am Fusse der Gipfelpyramide nahm ich die Eisen ab und schnürte sie wieder auf den Bergsack; heute war ihr Werth mir klar geworden.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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