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Home XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze Ausblicke; Träume im Orkan Meine letzten Bergwanderungen im Jahr 1870; ihr Resultat für die Karwendel-Gruppe
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Rückkehr zur Kasten-Alpe

Vier volle Stunden verflossen mir im Wechsel der mannigfachsten Bilder, der widerspruchsvollsten Eindrücke, wie ein Traum auf stürmischem Meere. Mittag war längst vorüber, als ich Abschied nahm von der Kaltwasserspitze, die ich im Leben wohl nicht mehr betreten werde. Vom Gipfel absteigend versuchte ich mit Glück eine Umgehung der plattigen Zacken, die ich heraufgekommen. Eine Etage tiefer leiteten gut gangbare Schuttlagen an einer schneeerfülltem, von triefenden Dache überwölbten Felsencisterne vorüber und ohne Schwierigkeiten zu begegnen, lenkte ich in die Runse ein, die zum Moserkar hinunterschiesst. Nach wenigen Minuten stand ich wieder oben auf dem Grat. Etwas heller war's in der Tiefe geworden; noch vom Gipfel aus hatte ich die ganze, zur hochgelegenen Mulde des östlichen Birkkars abstürzende Flanke übersehen und mich mit ziemlicher Gewissheit überzeugen können, dass auch in ihren schuttführenden Rissen eine Ersteigung der Kaltwasserspitze sich würde bewerkstelligen lassen. Nun fiel mein Blick auch hinunter in's Moserkar, genauer gesagt in seinen westlichsten Abschnitt, das Rauhkarl. Mit der Behauptung einer Ersteigbarkeit der Kaltwasserspitze von dort aus verhielt es sich etwas zweifelhafter. Steiler zeigten nach dieser Richtung hin sich die Wände und mehr denn doppelt so tief, als das Birkkar, liegt das Rauhkarl unter ihrer Schneide. Eine Kluft im Gewände soll, den Angaben der Jäger zufolge, auch hier den Anstieg ermöglichen. Ich will die Richtigkeit dieser Aussage nicht positiv in Abrede stellen, rathe aber, nachdem andere Wege auf die Kaltwasserspitze sich eröffnen, davon ab dieselbe zu erproben.

Längs des Grates zog ich den schartigen Scheitel, die langgedehnten Terrassenstufen zum Heidenkopfe hinunter, wie ich in den Morgenstunden heraufgekommen war. Im Hinterauthal lagerten jetzt bleiern, wie ermüdet von ihrem Toben, die Schichten der Wolken. Sie zogen träge hinauf in die oberen Kare, um in der kühlen Abendluft sich zu lösen, einen hellen Morgen und eben so rasch wie heute, wieder Nebel und Sturm zu bringen. Ein Irrgang im Krummholze des Heidenkopfes, bei Wiederaufsuchen des Birschpfades zum Moserkar, bildete das letzte Abenteuer dieses Tages. Es war ein anstrengender in jeder Beziehung gewesen. Ich gedachte am folgenden, mir etwas Ruhe zu gönnen, nicht eben zu Hause liegend, sondern in Ausführung einer kurzen, unschwierigen Bergtour. Dazu bot sich auch die beste Gelegenheit der Moserkarspitz, wenngleich von seinen Nachbarn Kaltwasserspitze und Sonnenspitz hoch überragt, behauptet doch selbständige Stellung genug, einen Besuch zu lohnen. Für diese Ersteigung hatte ich schön geebnete Pfade bis in die obersten Zonen des Moserkars und die breite Pyramide des Gipfels versprach eine leichte Ersteigung; ich gab ihr Rendez-vous auf morgen.

Glanz der Abendsonne spielte durch die gebrochenen Wolkenmassen, als ich, 3 1/2 Stunden nach Verlassen des Gipfels, den Fuss wieder auf den Thalboden der Isar setzte. Der Senne der Kastenalpe trieb seine Ziegenheerde eben zur Melke heim, vor der Thüre des Jagdhauses sass, die Büchse putzend, ein Jäger. Es mochte ihn verdriessen, den leidigen Störenfried schon wieder im Revier zu wissen, und Hoffnung mochte er setzen auf die Witterung, die meine Pläne mir verdarb. Auf die halb ironisch gestellte Frage, was ich denn heute ausgerichtet, erfolgte die bündige Antwort: "auf der Kaltwasserspitze bin ich gewesen."


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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