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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Orographisches aus dem Birkkar und Oedkar; Verwirrung und Unzuverlässigkeit des gebotenen Materials

Die relative Höhe des Birkkar- und Oedkarspitzes, der Spitzen des Sonnenjoches, – dann die horizontale Lage dieser Nachbarpunkte von meinem Standorte aus musste in erhaschten Momenten bestimmt, als Resultet der abenteuerlichen Partie in kaum leserlichen Kratzfüssen dem Notizbuche einverleibt werden. Die Klinometervisuren ergaben ein – schon mit blossem Auge abzuschätzendes – entschieden tieferes Niveau der Sonnenspitzen (Nördlicher 8136' 2643 m., Südlicher 8194' 2653 m. Pfaundler), dagegen eine geringe Ueberhöhung des Oedkar- und Birkkarspitzes und sprachen in dieser letzteren Beziehung für die relative Richtigkeit der Katastermessung für die Kaltwasserspitze (Oedkarspitze 8459' 2748 m., Birkkarspitze demzufolge ca. 8480' 2755 m., Kaltwasserspitze 8411' 2732 m.)*); die Horizontalvisuren dagegen wiesen ein starkes, südliches Heraustreten dieses Gipfels aus der geraden, vom Birkkarspitze zum Nördlichen Sonnenspitze gezogenen Linie nach. Damit ergab sich eine weitere Unrichtigkeit der österreichischen Generalstabskarte. Den eclatanteste Verstoss derselben wahrzunehmen, welcher den grossen Zweigkamm des Heidenkopfes vom Birkkarspitze auszugehen und das Moserkar unter der Kaltwasserspitze hindurch an den Ostfuss des letzteren reichen lässt – dazu bedurfte ich freilich nicht erst der Ersteigung dieses Gipfels, und hätten auch die Herren Kartographen einer solchen nicht bedurft, um ihn zu vermeiden. Eine aufmerksame Betrachtung und Skizzirung der Hinterauthalerkette von einem günstig gelegenen Punkte der Gleirschthalerkette (z.B. der Jägerkarscharte), ja nur von der Terrasse der Hinteröd- und Jägeralpe aus würde hiezu völlig genügt haben. Das Birkkar, welches in seinem unteren Verlaufe ein ziemlich enges, fast schluchtartiges Thal darstellt, verbreitet in höherer Zone sich zu sehr ausgedehnten Mulden, Durch die kurze, rasch niederbrechende Südabzweigung des Birkkarspitzes wird es hier in zwei grosse Becken getheilt, deren westliches an den Hochsattel zwischen Oedkar- und Birkkarspitz, das östliche an die Grateinsenkung zwishen diesem und der Kaltwasserspitze hinanzieht. Entsprechend der weit tieferen Lage des letzteren, bildet die östliche Mulde flache, hügelige Schuttweitungen, während die westliche steil, in vielfachen, durch hohe Gürtelmauern getrennten Terrassen zur culminirenden Schneide sich erhebt. Und doch bietet nur diese die Möglichkeit eines Gebirgsüberganges (von der Hochalpe durch das Schlauchenkar [Schlauchkar] ansteigend und umgekehrt); die Steilwände des Kaltwasserkars verwehren jede Annäherung an den östlich des Birkkarspitzes gelegenen Pass.

*) Obwohl es nicht die Bestimmung dieses Buches sein soll, eine vollständige Orographie derjenigen Gebiete zu liefern, aus welchen einzelne Hochtouren zur Beschreibung kommen, so möchte ich doch die gebotene Gelegenheit benützen, an einem Beispiele nachzuweisen, welch' arge Verwirrung in den orographischen Verhältnissen unserer Nördlichen Kalkalpen herrscht, mit welch' combinirten Schlüssen der Bergwanderer das gebotene Material mit den Resultaten seiner eigenen Bergwanderungen in Einklang bringen muss.
Um in der langen Reihe der Hinterauthaler Kette bezüglich der Zugehörigkeit der einzelnen Höhenmessungen zu den betreffenden Spitzen nur einigermassen in's Klare zu kommen, dazu liefern natürlich die Katastral-Angaben mit der Beifügung "zwischen Karwendel- und Hinterauthal" nicht den geringsten Behelf. Dagegen finden wir in der bereits früher citirten Abhandlung Prof. Pfaundler's "Einige Höhenmessungen im Gleirsch- und Hinterauthale" ein Profil der Hinterauthaler Kette, welches, besser als jenes der Gleirschthaler, die charakteristischen Züge der Berggipfel trifft und ihr Erkennen ermöglicht. Leider geräth schon zu allem Anfang eine grosse Verwirrung in diese Profile dadurch, dass – offenbar aus Versehen, denn die Messungen Prof. Pfaundler's geben ganz andere, und mit dem wahren Sachverhalte weit besser stimmende Resultate – der Birkkarspitz als östlicher Gipfel des Oedkarspitzes verzeichnet wurde, seine Benennung auf die Kaltwasserspitze und dieser Name wieder auf den Moserkarspitz zu stehen kam. Rechts vom Moserkarspitze erscheint dann, als mit diesem zusammenhängend, ein zweiter pyramidaler Gipfel, der in der Hinterauthaler Kette gar nicht existirt; es ist diess nichts Anderes, als das dahiner hervortretende Gamsjoch.
Noch verwickelter wird die Sache dadurch, dass, vermuthlich, nachdem die fehlerhafte Zuweisung der Namen bereits geschehen war, die südöstliche Umbiegung des Hauptkammes an den "Birkkarspitz" (recte Kaltwasserspitze) verlegt wurde, während der Wendepunkt am wahren Birkkarspitze (bei Pfaundler "Edkor, östliche Spitze") sich befindet. Der Fehler der österreichischen Generalstabskarte findet sich begreiflicherweise sowohl im Profile als in der Projectionskarte Prof. Pfaundler's.
Nun zu den Höhendaten; der Kataster führt zunächst einen "Birkkarspitz" auf, 7795' 2533 m. hoch; für den Birkkarspitz des Hauptkammes ist diese Messung einfach unglaublich, sie bezieht sich vielleicht auf einen der Birkköpfe, im Zweigkamme des Oedkarspitzes (auf welchen, bleibt freilich in Frage). Prof. Pfaundler bestimmt den Seekarspitz zu 8213' 2668 m., den "Edkor, westliche Spitze" zu 8300' 2697 m., den "Edkor, östliche Spitze" zu 8359' 2716 m., den Birkkarspitz in richtiger Würdigung seines Vorranges vor beiden zu 8423' 2736 m. Nun aber fällt im Vertikalprofile (nicht in der Horizontalprojektion, welche mit ersterem gar nicht übereinstimmt) der "Edkor, östl. Spitze" mit dem wahren Birkkarspitze zusammen und östlich des Gipfels existirt kein höherer mehr. Im Vertikalprofile bekommt die Kaltwasserspitze unter dem Namen "Birkkarspitz" dessen Höhe mit 8423' 2736 m. In der Horizontalprojektion figurirt der gleiche Punkt unter dem Namen "Kaltwasserspitze" mit der Höhe des Moserkarspitzes im Vertikalprofile (7698' 2599 m.). Bezieht man die beiden unter dem Namen "Edkor" aufgeführten Messungen auf den wahren Oedkarspitz, so erscheint ihre Differenz treffend, wenn der westlichen Eckpunkt und die Signalpyramide, nicht aber, wenn diese und der östliche, mit einer grossen Steinpyramide signalisirte Gipfelkopf gemeint ist. Im ersteren Falle bliebe dieser ohne jede Vertreung. Hier stimmen in gewisser Hinsicht wieder die Kataster-Messungen besser, bezeichnen auch die gemessenen Punkte verständlich als "Oedkarspitz, Signal" und "Oedkarspitz, Steinmann", auch die Höhen-Differenz 8448' 2744 m. und 8459' 2748 m. erscheint zutreffend, aber falsch ausgetheilt, nicht der "Steinmann", wie das Kataster angibt, sondern das "Signal" ist der höhere Punkt.
Ist es zu tadeln, wenn unter diesen Umständen der Bergreisende die Fesseln solch' verworrenen und unzuverlässigen Materials abstreift und auf eigene Faust Hypothesen baut? – Mein Raisonnement ist folgendes: Der Oedkarspitz, als mit grossem Signale versehen, wurde jedenfalls direkt gemessen. Ich beziehe daher die Katastral-Messung "Oedkarspitz" auf ihn, und zwar von den beiden vorhandenen die höhere auf den wirklich höchsten Punkt, d.i. das Signal; ich schätze den Birkkarspitz demzufolge auf ca. 8480' 2755 m.; in diese Combination passt dann einerseits die Pfaundler'sche Messung für den westlichen Nachbar, den Seekarspitz (8213' 2668 m.) – andererseits für den östlichen Nachbar die Katastral-Messung der Kaltwasserspitze mit 8411' 2732 m.
Wenn übrigens in nächster Umgebung des Oedkarspitzes, der mit einem grossen trigonometrischen Signale versehen, zudem sehr leicht ersteigbar ist, solche Unsicherheit der topographischen Angaben herrscht, was will man dann erst vom Rossloch – von den Karen des Vomperlochs – vom Speckkar-Gebirge – von den Falken erwarten?


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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