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Home XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze Witterungswechsel, Sturm und Schneewirbel Heikler Umweg und Ersteigung des Horns. Ein heimisches Plätzchen. Das Felsen-Observatorium
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Die Zackenschneide; Auftauchen der Kaltwasserkarspitze

Eine massige Treppe zerborstener, übereinandergestürzter Felswürfel baut zur neuen Höhe sich auf; von allen Schrofen rieselt und tropft es. Im raschesten Schritte, vergeblich nach Erwärmung suchend, klimme ich sie hinan, die Stufen der Nacht. Wieder heulen die Unholde drüben im Oedkar und gleichzeitig mit meiner Ankunft auf der oberen Gratschneide sind auch sie zur Stelle und schütten ihre kalten Schauer aus über den Eindringling in ein Gebiet, das sie für heute in Besitz genommen. Eine ebene, aber mehrfach zerschartete Felsschneide zeichnet meine Bahn in's sturmbewegte Nebelmeer hinein. Ich kenne sie wohl, die Sägezähne, die hier oben mir entgegen starren; ich befinde mich auf dem letzten, langen Absatze des Kaltwasserspitz-Grates, vor mir im Norden muss der Gipfel jetzt stehen – aber erblicken kann ich ihn nicht.

In der Gestaltung der Kammflanken ist ein Wechsel eingetreten, die Birkkarseite hat sich Steilwänden sich zusammengeschlossen, östlich zeigt sich jähes, plattiges, doch bis zu einer gewissen Tiefe gangbares Geschröf. Ein tiefer Einriss wird durchsetzt; je weiter ich vordringe, um so schneidiger verschärft sich der Grat, blätterdünne Felszinnen ragen auf seinem Scheitel empor, sie müssen überklettert oder nach der abschüssigen Ostseite umgangen werden. Zacken auf, Zacken ab, von einem Schärtchen zum anderen, vorwärts um jeden Preis, und können die erstarrten Hände auch kaum mehr regelrecht den Bergstock führen. Und in gleichem Masse mit meiner verbissenen Entschlossenheit steigert sich auch die Wuth des Sturmes; nicht wagerecht mehr über den Grat, nein, aus der Tiefe herauf rasen die Schneewirbel gegen mich an. Schwarz überronnene Mauern zu beiden Seiten; sie erscheinen wie ein schwimmendes Riff inmitten der treibenden Wolkenballen. Einen gefehlten Tritt nur auf den übereisten Zacken, und mich trägt's hinunter in's Rauhkarl, eine Flocke unter Millionen andern.

Verwaschen, geisterhaft treten jetzt massivere Thürme, abenteuerlicher als bisher gestaltete Klippen aus dem dunstigen Schleier heraus, – es sind die Vorposten der Kaltwasserspitze, und wieder thut eine Scharte sich vor meinen Füssen auf, als wär's der Ringgraben ihrer Burg – und ein Riss durch die wogenden Nebel und entsetzt pralle ich einen Schritt zurück und starre wie gebannt nach der Stelle, über welcher der düstere, nur auf einen Augenblick gelüftete Vorhang sich wieder geschlossen hat; jetzt habe ich sie gesehen!


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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