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Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Verbindung zwischen Lamsen- und Schafkarspitz Wiederzusammentreffen mit dem Jäger; warum er nicht auf die Lamsenspitze ging
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Abstieg; Dauben; ein ungern gebrauchtes Hilfsmittel

Während der letzten Minuten meines Aufenthaltes hatte ich die Gesellschaft einer Bergdohle, die ganz unbefangen fünf Schritte weit von mir auf einem Schrofen sich niederliess, und erst, als ich mich erhob, die Schwingen entfaltete, ein paarmal verwundert mich umkreisend. Um 3 Uhr 15 Min. trat ich den Rückweg an, nicht ohne etwas Sorge, wie dessen Ende sich gestalten würde. Rasch war ich über die Gerölllagen hinweg und wieder bei der Felsenhöhle, die ich diessmal bei Seite liess, langsamer und vorsichtiger klomm ich die steilen Absätze nach den Grasplätzen hinunter und suchte an diesen nach meinem Wahrzeichen. Bald war es gefunden, und einige Schritte weiter zeigte schon wieder eine Daube den Weg durch die Wand an. Ich hatte allen Grund, meiner vorsorgliche Massnahme während des Aufstieges mich zu freuen; ohne die zweifellose Gewissheit, diese Stellen schon einmal überstiegen zu haben, hätte ich an manchem Punkte schweres Bedenken getragen, noch einen Schritt weiter zu thun.

Nun passirte ich in heiklem Abklettern, Zoll für Zoll, all' die Steinhäufchen wieder, die vor kaum 2 Stunden von mir aufgerichtet worden wren; die meisten flogen, nachdem sie ihren Dienst geleistet, in's Lamskar hinab, da ich des Raumes, der ihnen Halt gewährt hatte, zum Einsetzes des Fusses bedurfte. Ein paar Schritte aufwärts zur vorspringenden Ecke, auf der wieder eine Daube winkt, – und nun senkt sich vor mir das bedenkliche Plattenband in die Tiefe; sitzend, die Hände eingestemmt und mit den gestreckten Füssen nach Stützpunkten voraustastend, gleite ich verhaltenen Athems unter dem Schrofen hindurch, der unausgesetzt den Körper zur Seite drängt und bei der geringsten unbedachten Bewegung über den Rand des Abgrundes, an welchem die rechte Hand ihren Halt sucht, ihn hinauszudrücken droht. Doch kam ich glücklich darüber weg, froh, wieder auf den gewaffneten Füssen zu stehen, begann ich den geraden Abstieg in der sich verengenden Rinne und befand mich bald am Eingange des eigentlichen Kamins.

Unheimlich genug gähnte die schwarze Spalte mir entgegen, aber hinab musste ich um jeden Preis, von einem Ausweg war hier nicht die Rede. Da ich fortan beider Hände auf's Dringendste bedurfte und der Bergstock mir nun nichts mehr nützen konnte, so warf ich ihn, wenngleich erst nach längerem Zaudern, hinab*). Der hölzerne, klappernde Ton, der er im Sturze von sich gibt, hat beinahe etwas Schreckhaftes, zumal in solchen Situationen, in welchen man zu diesem äussersten Mittel greift; und nicht weniger unbehaglich ist die damit besiegelte Gewissheit, an der bedenklichen Stelle, die dazu zwingt, nunmehr unter allen Umständen absteigen zu müssen; über die etwas versäumte Wahl einer besseren brauchte ich mir allerdings keine Skrupel zu machen.

*) Der Jäger Oberleitstettner, ein ächtes Tiroler Phlegma, sagte mir bei der Rückkunft ganz naiv, er habe den Stock wohl hinunterklappern hören, und sich dabei gedacht: "Jetzt wird der Andere gleich nachkommen." –

Niederkauernd fasste ich die Randzacken und liess mich in den Felsenschacht absinken; bei seiner Enge und der schiefen Lage, welche anzunehmen die Seitenwand mich nöthigte, konnte ich nicht im Geringsten abwärts sehen und war auf den blossen Tastsinn angewiesen. Einmal war ich nahe genug am Sturz; mehrmaliges Abwärtstasten wollte keinen Stützpunkt mehr ergeben, und der Halt, den die gespreizten Ellenbogen und Kniee gewährten, stand auf dem Punkte, vom Zuge der Schwerkraft überwunden zu werden. Da sehe ich urplötzlich in Brusthöhe vor mir einen handgrossen, frei aus der Wand ragenden Stein, als hätte ein wohlwollender Berggeist ihn dort hingezaubert; ich weisst es nicht, ob fest er ist, oder lose, aber es drängt die höchste Noth, und mit beiden Händen ihn fassend, lass' ich mich hinunter – er hält und ich fühle Boden unter dem Fuss. Nun war der Spalt bereits weit genug, dass ich mich wenden und Gesicht nach vorn absteigen konnte. Eine Minute später war ich vom Felsen weg auf den Grasstufen, mit einigen Sprüngen im Schuttfelde des obersten Lamskars; dort lag ruhig mein Bergstock und wurde vergnügt wieder aufgenommen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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