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Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Nach Vomp und Vomperberg [1870] Einer, der nicht zum zweitenmale auf die Lamsenspitze geht
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Der herzogliche Jäger Oberleitstettner

Eine leichte Stunde nach Verlassen der Eisenbahn sah ich mich aus dem dunklen Tannenwalde auf eine weite Ebene mit Wiesen, Feldern, im Grün der Obstbäume versteckten Häusergruppen versetzt, mit herrlicher Fernsicht gegen Osten und Süden, während im Westen der nahe Hoch-Nisselkamm seinen dichtbewaldeten Fuss auf ihre Fläche niedersetzt, im Südwest das Speckkar-Gebirge, zu einer einzigen, schlanken Spitz-Pyramide zusammengedrängt, in den Himmel aufragt.

Ich wandte mich mit einigen Fragen über das benachbarte Gebirge an begegnende Leute, erhielt zunächst die unerwünschte Auskunft, dass in Vomperberg die bewohnte Welt zu Ende gehe und nur noch eine Stunde thaleinwärts im Vomperloch ein Alphüttchen anzutreffen sei, das 6 Stunden lange Thal aber sonst gänzlich öde sei; mit meinen Erkundigungen nach den Berggipfeln und ihrer Ersteigung wurde ich an den Jäger verwiesen, dessen Haus ich nach einigen weiteren Nachfragen auch glücklich ausfindig machte; es liegt nahe an der kleinen Kapelle des Ortes. Den Jäger trag ich nicht zu Hause, wohl aber dessen Frau, die mir das Unwirthliche des inneren Vomperlochs bestätigte und mich einlud, in Vomperberg mein Nachtquartier aufzuschlagen und die Rückkunft ihres Mannes abzuwarten; dieser würde mir dann allen verlangten Aufschluss zu ertheilen vermögen. Er kenne das ganze Vomper Gebirge wie seines Hauses Krautgärtchen und sei auch auf der Lamsenspitze einmal gewesen.

Das war mir sehr erwünscht und ich machte mir's in der saubern Stube denn auch alsbald bequem. Gegen Abend trag der Jäger ein und hiess mich freundlich willkommen; er kam eben aus dem Vomperloch zurück, welches, zum grossen Jagdgebiete des Herzogs von Coburg gehörig, seiner Aufsicht unterstellt ist, und in welchem er sehr eingehende Gebirgskenntnisse besitzt. Der Tourist findet bei ihm nicht allein sehr schätzbaren Rath und Aufschluss, sondern auch gute Nachtherberge, und gerne verbindet er seine Jagdgänge mit der Begleitung eines Bergwanderers nach irgend einem hohen Ziele. Sein Name, Thomas Oberleitstettner, wurde erst jüngst wieder in Verbindung mit einem Adlerfange im Vomperloch mehrfach öffentlich genannt.

Von meinen Plänen unterrichtet, rieth er mir, zunächst den Hoch-Nissel zu besuchen, wohin er mich begleiten und diesen Gang über den ganzen Hoch-Nisselgrat hinweg bis in's Lamskar auszudehnen versprach; dadurch würde ich mit dem östlichen Theile des Gebirges auf's Genaueste bekannt werden. Die tiefer im Innern des Vomperlochs stehendne Gipfel dagegen würde ich besser von der Eng' und vom Grubenkar aus besuchen, da die thaleinwärts führenden Pfade sehr schlecht, die Stellen, an welchen die Thalschlucht überschritten werden könne, sehr spärlich und schwer aufzufinden seien. Also nicht nur keine Wohnung, sondern nicht einmal einen Thalweg gab's in diesem verwünschten Erdenwinkel! Gute Aussichten für die Zukunft, und ich sollte es noch erfahren, dass der Jäger nicht zu schwarz gemalt hatte.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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