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Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Die Lamsscharte Eine Schneehöhle
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Der Kamin und das Plattenband

Anfänglich hatte ich noch einzelne Stufen in der Sohle des Kamins, doch lagen diese meist einige Fuss weit von einander und waren nur mit Anstrengung zu gewinnen; den Händen fiel vom ersten Beginne an die Hauptarbeit zu. Bald aber verengte sich der Schlund und glättete seine Risse sich dermassen, dass ich im wahren Sinne des Wortes als Kaminfeger darin aufzusteigen hatte. Dabei hing die linksseitige Wand etwas über, so dass ich schief in der Spalte lag, was an sich nicht ungünstig gewesen wäre, hätte ich nur zur Rechten feste Haltpunkte und die Steilwand nicht gar so unangenehm nahe gehabt.

Alle Kräfte aufbietend, zog ich mich langsam die Rinne hinauf, nach einer vorspringenden Felsenecke linkerseits, die als der erste feste Ruhepunkt mir erschien; ein Schmetterling gaukelte wie spottend vor mir in der Luft herum, während ich schwerfälliges Geschöpf mich abplagte, den Boden, an den ich gefesselt, Fuss um Fuss zu bewältigen; zufrieden noch, wenn's dabei bleibt, und ich nicht auch zu fliegen komme – nicht nach Schmetterlingsart. Endlich hob ich den Kopf über die Felsengalerie, aus dem Düster empor zum Licht. Ich sah mich schon ziemlich hoch, und das Terrain vor mir etwas günstiger; freilich ein Adlersitz inmitten der Wände, auf dem ich einen Augenblick Athem schöpfte, dann eine Daube legte und weiterstieg. Die Runse verlor sich im Felsen, eine Wandschranke starrte aus der Höhe mir entgegen; links hinauf drehte um ihren Fuss sich ein Plattenband. Das war wohl der überhängige Schrofen, von dem der Jäger gesagt!

Die Platten erwiesen sich als nicht stufenlos, wie sie geschienen und auch der tiefgebückte Gang machte im Aufwärtssteigen wenig Schwierigkeit. Schlimmer freilich sollte es im Hinabwege werdne. In kurzen Intervallen legte ich meine Steinhäufchen, um des Rückweges sicher zu sein. Auf einer vorspringenden Schrofenecke endete das Band. Jenseits ging's etwas abwärts in die Quere, einen Einschnitt der Bergflanke kreuzend hatte ich die zum Lamskar niederbrechenden Steilwände am nächsten, auf kleinen Rasenschöpfen und schmalen Abbrüchen des Gesteins fussend, drängte ich mich am Absturze vorüber, erkletterte noch ein paar jähe Mauerstufen und trat, hoch aufathmend, auf die kleine Grasterrasse hoch über dem Lamskar aus*). Hier wurde noch eine grössere, auf einige Entfernung hin kennbare Steinpyramide errichtet, und dann ging's geradenwegs hinauf zur Spitze.

*) Die ganze, eben beschriebene Wegstrecke ist unbestreitbar von hervorragender Schwierigkeit und nur von einem durchaus felsentüchtigen Steiger zurückzulegen. Grössere Schwierigkeiten jedoch, als der Wandabsatz am Steinkarlspitze, bietet sie nirgends, ich glaube sogar den letzteren als schwieriger bezeichnen zu dürfen, es sind nur die gefährlichen Nebenumstände der Lamsenspitze, welche ihm mangeln. Ein künftiger Lamsenspitz-Ersteiger möchte über diesen Punkt sich daher beruhigen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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