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Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Die Lamsenspitze, ein Knotenpunkt zwischen vier Thälern; von vier Seiten zugänglich, von <i>einer</i> nur ersteigbar Nach Vomp und Vomperberg [1870]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Orographisches und Hypsometrisches

Die Lamsenspitze gehört der Vomperkette an, als dritter bedeutender Gipfel, von Osten her gezählt; sie steht im Mittelpunkt einer tiefen Ausbuchtung gegen Norden, welche dieser östliche Abschnitt der dritten und längsten Parallelkette nördlich des Inn beschreibt und die am Massive und den südlichen Verzweigungen des Hoch-Nissl einerseits, – am langen und starken Zweigkamme des Kaiserkopf- und Huderbankspitzes (vom Hoch-Glück in der Hauptkette ausgehend) andererseits ihre Schranken findet. Drei tiefe Kesselthäler lagern im Innern dieser Bucht, vereinigen sich noch in ziemlich hoher Zone zu einer stark eingeengten Schlucht, und münden als Klamm in die Klamm des Vomper-Baches. Jene Bergkessel führen den Namen Schneepfann' (in der Nordostflanke des Hoch-Glück gelegen), Schafkar und Lamskar; ihre Vereinigung bildet den Zwerchbach*), dessen Thal und Klamm eine wichtige Scheidelinie der Tiefregion des Vomperthales bildet.

*) Auf den Karten gemeinhin fälschlich als "Werkbach" bezeichnet.

Der Hauptgrat trägt über dieser Bucht einen beiderseits durch tief eingebrochene Scharten isolirten Gebirgsstock, dessen höchste, östliche Erhebung, eine rundliche Gipfelwelle mit nochmals aufgeschwungenem Endthurm, die Lamsenspitze bildet. Gen Osten berührt sie mit gebogener, fast lothrechter Sturzlinie die tiefste Einsattelung des Vomper Kammes, die zugleich einen Uebergang vom Falzthurn- oder vom Stallenthal in's Vomperloch ermöglicht. Ich benenne sie als "Lamsscharte" zum Unterschiede von dem gewöhnlich begangenen Lamsenjoche, dessen Lage alsbald erörtert werden soll, und schätze deren Höhe auf etwa 6800' 2200 m. In östlicher und allmählich südöstlich ablenkender Richtung erhebt der zackenreiche Grat sich über den Rothwandl- und Steinkarlspitz zum Hoch-Nissl (7853' 2544 m.). Westwärts setzt von der Lamsenspitze der Gratscheitel wenig herabgedrückt und noch eine flachgewölbte Zwischenerhebung bildend, zum dreigipfligen, etwas niedrigeren Schafkarspitze sich fort, fällt von diesem um eine bedeutende Stufe herab und stürzt, nachdem er nochmals eine wenig hervorragende Felskuppe aufgetrieben, zur unbenannten Scharte im Hintergrunde des Schafkars*) nieder. Von dieser erhebt sich in südwestlicher Richtung der spitze Gipfel des Hoch-Glück (ca. 8000' 2600 m.).

*) Dieselbe würde via Schafkar – Hoch-Glück das Vomperloch mit dem Eng-Thale verbinden. Sie hat ein sehr ungangbares Aussehen, soll jedoch einmal von einem Jäger überstiegen worden sein.

Weder für die Lamsenspitze noch für den Schafkarspitz wurde eine Höhenmessung mir bekannt, ausgenommen eine Angabe Trinker's für einen "Lamperspitz" mit 7532' 2447 m.*), welche jedoch relativ unglaubwürdig erscheint; die Lamsenspitze um 300' [100 m] niedriger als den Hoch-Nissel**) und gar für niedriger als das Sonnjoch zu halten, wird Niemanden einfallen, der von diesen Gipfeln aus sie betrachtet. Oberflächlicher Schätzung zufolge möchte ich ihr eine Höhe von mindestens 7750' 2518 m., dem Schafkarspitz eine solche von etwa 7700' 2500 m. zuschreiben.

*) Herr B. Lergetporer (Die Hoch-Nisselspitze im Vomperthale, Alpenfreund Bd. VI, H. 5) gibt die Höhe der Lamsenspitze nach 7641' 2482 m. an, und bezeichnet als Quelle die Mittheilungen des i. J. 1871 zu Schwaz stationirten k. k. Mappirungs-Offiziers. Demzufolge würde die Höhe des Schafkarspitzes etwa 7600' 2470 m. betragen. Ich kann nicht umhin, auch in die relative Richtigkeit dieser Messung (namentlich mit Bezug auf den Hoch-Nissel) einen bescheidenen Zweifel zu setzen. Das gravirendste Moment, dass die Lamsenspitze nicht höher sein solle, als das Sonnjoch, fiele bei ihr allerdings weg.
**) Die gewaltige Ueberhöhung des Hoch-Nissel und seiner Umgebung in der Profil-Skizze rührt davon her, dass diese Gebirgs-Gruppe dem Aufnahmspunkte jenseits der engen Thalschlucht des Vomperlochs unmittelbar gegenübersteht.

Aus der Mitte der Südflanke des Lamsen-Schafkarspitzstockes zweigt der hohe Seitenast des Mitterkarlspitzes*) als Schranke des Lamskars gegen das Schafkar sich ab; die Nordseite des ganzen Stockes fällt geschlossen, mit senkrecht durchspaltenen Mauern, auf eine mässig geneigte, zu flachen Mulden ausgetiefte Bergfläche nieder; aus dieser verlaufen, mit dem Massive des Hauptkammes nur am Fusse der Steilwände zusammenhängend, gegen Nordwest der Kaiser-Grat zwischen Hoch-Glückkar und Binsalp, gegen Nord, zwischen der letzteren und dem Becken von Gramai-Hochläger [Hochleger] der Gramai-Kamm, welcher in der Folge zum Sonnjoch sich erhebt. Im Nordosten erreicht des Gehänge um den Mauerfuss der Lamsenspitze seine bedeutendste Verbreiterung und Ausflachung; hier leitet der Saumpfad über einen niedrigen Bergsattel aus dem Falzthurn- ins Stallenthal hinüber; diess ist das bekannte und häufig bewanderte Lamsenjoch, auch kurzweg "Die Lamsen" oder "Auf der Lamsen"**) genannt; ein Hauptkamm des Gebirges wird sonach auf diesem Wege gar nicht überschritten. Nordöstlich vom Lamsenjoche erhebt sich neuerdings ein felsiger Rücken zum Rauhen Klöl [Rauhen Knöll], dem Culminationspunkte der vielverzweigten Gebirgs-Gruppe im Süden des Achensees, die mit dem Stanserjoch bei Schwaz ausläuft. Südlich vom Lamsenjoche gelangt man mit ca. 1000' [300 m] Anstieg über Geröll und Getrümmer, zuletzt über steiles Geschröf, hart unter der östlichen Steilwand der Lamsenspitze hindurch zur Lamsscharte hinauf und hinüber in's Lamskar. Da auch aus der Eng, über die Binsalpen ein guter Steig nach dem Lamsenjoche führt, so wird nunmehr erklärlich erscheinen, wie man von allen Seiten her (den Westen allein ausgenommen) die Besteigung der Lamsenspitze antreten könne, alle diese Wege aber auf Einem Punkte, der Lamsscharte nämlich, zusammenlaufen.

*) Auf diesen bezieht sich möglicherweise die oben angeführte Trinker'sche Messung. Der Jäger von Vomperberg erzählte mir wenigstens, dass bei Gelegenheit der Vermessung die Geometer diesen Mitterkarlspitz erstiegen, auf ihm eine (später umgestürzte) Signalstange errichtet und sich eingebildet hätten, auf der Lamsenspitze gewesen zu sein. Diese Messung würde jedoch, die neue Messung der Lamsenspitze zu Grunde gelegt, als zu niedrig erscheinen.
**) 3988' 1295 m. Trinker, welche Messung jedoch weitaus zu niedrig ist. Der Reymann'schen Karte zufolge liegt die Stallenalpe im Stallenthal, tief unter dem Lamsenjoche, schon 4083' 1326 m. hoch. Ich schätze die Höhe des Lamsenjoches mit Rücksicht darauf, dass die Lamsscharte von demselben aus in 1 Stunde zu ersteigen ist, auf 5600' 1819 m.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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