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Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Das gute Wasser im Lamskar. Abstieg in den Zwerchbach und zum Jägerhüttchen Ein Schritt vorwärts in meinem Alpenleben
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Der Weg durch's Vomperloch

Südwärts öffnet sich das enge Thal auf seinen Hauptthallauf, jenseits dessen der Walderrücken als dunkle Aussichtschranke sich vorschiebt; im Norden tieft die Thalung des Zwerchbachs in die Gebirge sich ein, theilt sich nach der Höhe in die Becken des Lams- und Schafskars, deren obere Terrassenböden flache Wellenlinien gegen den Horizont beschreiben; der Hauptgrat, welcher sie abschliesst, und seine Gipfel bleiben verborgen. Der trennende Zweigkamm des Mitterkarlspitzes aber reckt zwischen beiden Thälern einige wundersam gekrümmte, fingerartige Hörner empor.

In Zeit von 1 1/2 Stunden hatten wir von der Lamsscharte herab das Jägerhüttchen erreicht; noch hatten wir von hier aus 2 Stunden Weges nach Vomperberg zurückzulegen. Eine starke Viertelstunde Marsch brachte uns auf die vortretende Bergecke hinaus, an deren Fuss der Zwerchbach mit dem Vomperbach sich vereinigt; ein losgerissener Felsthurm neigt gegen die Schlucht sich hinaus, auf seinem Scheitelplateau, das etwas Buschwerk und einige Bergfichten trägt, gewahrten wir nochmals, in so bedeutender Thaltiefe, einen Gemsbock; ein stattlicher, alter Herr, der vom Getriebe fröhlicher Jugend mürrisch sich abgesondert hat. Dann leitete der enge, aber durchweg gut angelegte Pfad thalaus, immer mehrere hundert Fuss hoch über der Klamm des Vomperbaches, der, selten sichtbar, nur durch dumpfes Brausen sich bemerkbar macht. Nochmals steigt der Weg über eine Viertelstunde lang im Walde aufwärts; wird gelangten auf einen grossen Holz-Schlag, hierauf wieder Wald und endlich auf die Grasfläche einer kleinen, nur im Frühsommer und Herbste bezogenen Alpe*). Dieser ziemlich genau gegenüber stürzt von der jenseitigen Thalwand über gelbe Felsplatten ein kräftiger Wasserfall zum Vomperloch hinunter.

*) Die G.-St.-K. [Generalstabskarte] nennt dieselbe Schuller-Alpe. Sie dürfte identisch sein mit der von Hrn. B. Lergetporer (a. a. O.) erwähnten Melanser-Alpe (3146' 1022 m.).

In seinem weiteren Verlaufe kreuzt der Steig die mehrfachen, tiefen Gräben, welche wir in den Frühstunden in hoher Bergregion als begrünte Sinken und plattige, breite Kessel durchzogen hatten. So wenig erfreut ich über das stete Auf- und Absteigen des Thalweges war, so nahm ich diese Unbequemlichkeit doch andererseits gerne in Kauf für das frische Wasser, das in den Sohlen dieser Bergschluchten rieselt; denn die Ausdorrung während des ganzen Marsches über den Hoch-Nissel in's Lamskar und der Ersteigung der Lamsenspitze selbst war trotz mehrmaliger, ausgiebiger Libationen an der Quelle des Lamskars sowie im Zwerchbach noch immer nicht völlig gehoben, und vom Jägerhüttchen ab hatten die dürren Waldgehänge keinen Tropfen Flüssigkeit mehr gespendet. Nicht lange mehr währte es, so befanden wir uns auf einem breiten Holzziehwege, das linksseitige Berggehänge trat zurück und durch die enge, bereits im tiefen Dämmerschatten liegende Thalspalte blickten die grünen Berge des Innthals, voran das Kellerjoch, im goldenen Abendglanze herein.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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