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Home XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze] Theilung der Karwendelkette; Orographisches über ihre östliche Hälfte Im Wank. Verschiedene Möglichkeiten der Ersteigung
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze]

Von Hinter-Riss auf die Hoch-Alpe; Anstieg des Karwendel-Spitzes [1870]

Den Häuptern des Karwendelkammes steuerte ich zu, als ich nach zwei, auf den Besuch der Falken folgenden Rasttagen am 4. Juli 1870 Morgens 6 Uhr 45 Min. zum dritten Male die Hintere Riss verliess. Der gewohnte Weg führte mich im Johannesthale aufwärts, am Falken vorüber, zu dem ich nunmehr mit frohem Bewusstsein emporsah, auf die Thalebene unter dem Kaltwasserkar und das breite, eintönige Filzthal hinauf in 3 St. zur Hochalpe*). Noch war deren Oberläger [Hochleger] nicht bezogen, kalt und einsam lag die geräumige Hütte. Der Karwendelspitz stand nahe zu meiner Rechten, das Grubenkar zeigte mir seine enge, mit Krummholz überwucherte Ausmündung. Von dorther musste ich den Anstieg beginnen, da weiter westwärts die Steilwände des Bergfundamentes eine Annäherung nicht mehr zu gestatten schienen. Mein Ziel war der "Wank", die Schuttbekleidung der westlichen Gipfelgrate hinauf geebnet.

*) 5217' 1695 m. Trinker. Die Passhöhe, östlich der Alpe gelegen, beträgt 5430' 1764 m. Gümbel.

Ich lenkte daher an der Hochalpe von dem in's Karwendelthal hinunterführenden Wege ab und wanderte quer über den hügeligen, zerfurchten Boden der Alpweide geradlinig in den grossen Schuttgraben hinein, welcher den Aufschluss des Grubenkars bezeichnet. In diesem aufsteigend gewahrte ich an seiner linken Seite bald einen Schafsteig, welcher nach viertelstündigem Laufe längs des trockenen Geröllbettes an eine steile, sehr schwach begrünte, unmittelbar an den Fuss des Felsen stossenden Reisse mich leitete. Das Grubenkar weiter zu verfolgen, erschien mir nicht rathsam; soweit ich dessen Hintergrund aus eigener Anschauung kannte, wusste ich denselben von Steilwänden umschlossen, und es lag kein Grund vor, am Abfalle des Karwendelspitzes auf ein günstigeres Verhältniss zu hoffen. Ich erstieg daher die Reisse zur Linken und begann an den Schrofen aufwärts zu klettern.

Der Anfang erwies sich, wie zu erwarten stand, als steil, spärlich mit Grasstreifen durchwirkt bot der Felsen allerwärts nur schmale Bahn, luftig zwischen Himmel und Erde; doch war auf den weichen Rasenpolstern der Tritt ein sicherer, Unterbrechungen des gangbaren Bodens in Form kahler Plattstufen begegneten sich nicht allzu häufig, und wo sie vorkamen, fehlte es auch nicht an eingeschobenen Spalten und Kaminen, ihre Ersteigung zu erleichtern. Soweit das Terrain es gestattete, hielt ich vorwiegend eine links abzielende Schrägerichtung inne, welche den breiten Plätzen des Wank mich näher bringen sollte; auch konnte ich nach einiger Zeit zu meiner Befriedigung wahrnehmen, dass ich meine Wahl gut getroffen, der Boden lichtete sich, die einengenden Mauern nach der Grathöhe sowohl wie nach der Tiefe des Thales traten zurück, grünes, steiniges Gehänge, von flachen Längewellen durchstrichen, breitete gegen Westen sich hin. Ueber seinem abgeschnittenen Rande erschien die pyramidale Felsgestalt des Vogelkarspitzes.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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