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Home XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze] Verlauf der Landes-Grenze Von Hinter-Riss auf die Hoch-Alpe; Anstieg des Karwendel-Spitzes [1870]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XIX. Der Grosse Karwendelspitz [Östliche Karwendelspitze]

Theilung der Karwendelkette; Orographisches über ihre östliche Hälfte

Schärfer als irgend eine der südlich folgenden Parallelketten wird die Karwendelkette durch einen breiten Schartendurchbruch in zwei Hälften, eine östliche und eine westliche, geschieden; in ersterer dominirt der Karwendelspitz, in letzterer das weit schroffere Massiv des Wörner, mit seinen auseinander geneigten, durch zackigen Hochsattel verbundenen Felsgipfeln, – ebenfalls eine bekannte Berggestalt des flachen Landes. Zwischen beiden Theilen liegt die Bäralpelscharte (5475' 1775 m. Gr.-K.), welche das Niveau des Gebirgskammes bies tief in die Krummholzregion herabdrückt. Wir haben es hier mit der östlichen Hälfte des Karwendelkammes und in dieser speciell mit dem westlichen Abschnitte zu thun, welcher die bedeutendsten Gipfel trägt.

Ihre Reihe beginnt, von Osten her zählend, mit dem bereits genannten Grubenkarspitz*); ihm selbst gehen östlich voran zwei unbeträchtliche Gipfel, Thor-Wand und Thalelespitz**), letzterer der Knotenpunkt verzweigter, noch bedeutend an Höhe abnehmender Bergrücken, deren Hauptzug, nordwärts gewendet, das Johannes- vom Thortale trennt und mit dem Stuhlkopf über Hinterriss endet. So regelmässig die Südostflanke des Grubenkarspitzes in schräger Linie sich abdacht, so jäh und schroff stürzt seine ganze Westbreite nieder in ein enges, langgestrecktes Kar, das Grubenkar. Die Höhe des letzteren umrandet der Hauptgrat, gegen Norden ausgebogen, mit scharf zerhackten Zinnen und schliesst seinen Halbkreis auf dem Gipfel des Grossen Karwendelspitzes (7755' 2519 m. Gr.-K.). Die Bauart desselben bietet manche Eigenthümlichkeiten, welch einen starken Wechsel in seiner Gestalt, je nach dem Standorte, von welchem aus man sie betrachtet, bedingen. Im Allgemeinen gleicht seine Südflanke dem Mantel eines Halbkegels; der Grat, welcher in einen östlichen und einen westlichen Theil sie scheidet, ist nur in höchster Zone scharf, in mittlerer schwach und am Fundamente des Gipfelmassivs gar nicht mehr ausgesprochen. Ein schneidiger Rücken löst sich in der Gipfelregion bereits von ihm gegen Osten ab und bricht nach längerer Erstreckung steilwandig in's Grubenkar nieder. Durch ihn entsteht, vom Karwendelspitze und der nordöstlichen Hauptgratfortsetzung umgrenzt, ein neues, sehr hochgelegenes Kar, eigentlich eine westliche Ausweitung des Grubenkars, welche verborgen genug liegt, um von wenig andern Standpunkten, als den Gipfel selbst, die sie einrahmen, sichtbar zu sein. Am regelmässigsten und ebenflächigsten verbreitet sich die Südwestseite des Karwendelspitzes. Ein faltenloser Mantel hellweisslichen Schutts, allmählig mit schwachem Grün sich überziehend, scheint von dieser Seite her seinen Körper zu decken. Diese weiten Plätze führen bei den Einheimischen den Namen "Der Wank" oder "Im Wank", daher der Name Wank, welcher auf der Oesterr. G.-St.-K. [Generalstabskarte] an Stelle des Karwendelspitzes fungirt. Der Fuss des ganzen Bergmassivs ist mit Wandstufen von meist bedeutender Mächtigkeit umbaut; sowohl gegen das buschige Gehänge im Norden der Hochalpe, wie gegen das Kar im Westen des Karwendelspitzes bestehen nur wenige Verbindungslinien, welche das Erreichen der höher gelegenen, frei gangbaren Wiesen und Schuttplätze ermöglichen.

*) ca. 7560' 2484 m. Die bei Gümbel (Geogn. Beschr. d. Bayer. Alpen-Gebirges) aufgeführten Messungen für einen Grubenkarspitz mit 7756' Lamont, für einen Grabenkarspitz 7773' Lamont und 7790' Walther beziehen sich augenscheinlich auf den Grossen Karwendelspitz.
**) Nicht Thaleckspitz, wie auf dem Karten meist zu lesen.

Als zweithöchster Gipfel des Karwendelkammes erhebt sich im Westen des Karwendelspitzes, durch tiefe, von den Schuttfeldern des zwischenliegenden Kars erreicht Grateinsattelung von ihm getrennt, der Vogelkarspitz oder Vögelekarspitz (7715' 2506 m. Gr.-K.). Wie bereits erwähnt, zeichnet derselbe im Gebirge wie im Gebirgspanorama des flachen Landes durch seine regelmässige briete Trapezgestalt sich aus; nur in genauer Streichrichtung seines Scheitelgrates, von Osten oder von Westen aus gesehen, verwandelt er diese Trapezgestalt in die einer spitzen Pyramide. In geringer Tiefe unter seinem Gipfel bereits theilt seine Südabdachung sich in zwei mässig breite, wellige Rücken, die zwischen sich eine gerundete Schuttmulde, das Schlichtenkar, fassen. Vom östlichen der beiden Rücken und vom Steilabsturze des Karwendelspitzes andererseits eingesäumt, liegt zwischen beiden Gipfelkörpern das Vogelkar oder Vögelekar, eine breite, hügelige Thalung. Wie gegen Osten an den Karwendelspitz, so besteht auch gegen Westen, an den Vogelkarspitz hinan, eine gangbare Verbindung des Karbodens mit den Südflanken der Gipfel erst in ziemlich beträchtlicher Tiefe. Der Vogelkarspitz ist Ausgangspunkt der Wechselschneid, welche in nördlichem Verlaufe, die Hölzelköpfe und die Rappenspitze tragend, den Bärnbach von Ronnthale [Rohntal] scheidet. Vom Thorthale wird das Ronnthal getrennt durch den Thorkopf, dessen Rücken aus dem Fusse des Grossen Karwendelspitzes sich löst. Beide Seitenthäler der Riss zeigen ziemlich gleichförmigen Charakter, verengen sich an ihrer Ausmündung und weiten sich, Alpen beherbergend, in ihrem Inneren. Ihr Hintergrund verläuft in Schuttkaren am Fusse der Mauern des Karwendelkammes, die prall, anderthalb bis zweitausend Fuss [500-600 m] mächtig, auf sie und ihre Zwischengrate niederstürzen; am Bärnalpel befindet sich die erste mögliche Uebergangsstelle, wiederum die einzige*) bis über den Tiefkarspitz und die Lerchenfleckspitzen hinaus. Im westlichen, südwärts umgebogenen Theile des Kammes erst mehren sich die gangbaren Pässe. Trotz ihrer gewaltigen Steile entbehren diese Wände doch keineswegs einer tiefgreifenden Zertheilung in einzelne Rippen und Strebepfeiler und unterscheiden hiedurch sich wesentlich von den glatten Mauern der Hinterauthaler Kette im Hintergrunde von Laliders und (theilweise) von Ladiz. Wunderliche Zackenformen treten in ihnen auf, und an der Wandkante des Karwendelspitzes namentlich klebt ein krumm gebogener, dünner Zahn, dessen Hinabsturz stündlich bevorzustehen scheint. Aber er steht schon lange so und mag vielleicht noch manches Jahrzehent die Thäler der Ronn und das Thorbaches bedrohen.

*) Ein Jäger in Mittenwald behauptete allerdings mir gegenüber die Möglichkeit eines Abstieges vom Wörner auf die Vereins-Alpe.

Westlich vom Vogelkarspitz erhebt sich auf dem Hauptgrate noch ein, im Vergleiche zu seinen Vorgängern sehr unbedeutender Gipfelhöcker, der Schlichtenkarspitz (7542' = 2450 m. Gr.-K.). Noch weiter gegen Westen verläuft die Scheitellinie des Gebirges fast geradlinig und endet mit dem Bärnalpelspitz (kein Gipfel, sondern ein blosser Eckpunkt) mit Steilabsturz auf die Bärnalpelscharte. Ausgesprochene Verzweigungen und Thalungen fehlen auf dieser Gebirgsstrecke gänzlich. Grasiger Fels dacht sich gegen Süden, Steilwand fällt gegen Norden ab in den waldreichen Thalkessel des Bärnbachs. Die Tiefzone des ganzen Kammabschnittes vom Grubenkarspitz bis zum Bärnalpel nehmen stark bewachsene, mitunter tief durchschluchtete Gehänge ein, die ihren Fuss in's Karwendelthal stellen; die starken Absenker, welcher der Karwendel- und der Vogelkarspitz auf sie herabsenden, endigen ziemlich genau an der Krummholzgrenze mit Steilabsturz. Ein guter Pfad durchkreuzt die buschige Bergflanke von der Hochalpe nach der Bärnalpelscharte, der Abstieg von letzterer in den Bärnbach ist jedoch schwer zu finden*).

*) Ich suchte denselben im Jahr 1873 vergebens. Die Bärnalpelscharte besteht aus einem völlig geschlossenen Kessel; auf der mit Krummholz bewachsenen nördlichen Umwallung verliert sich der bis dahin kennbare Steig. Der richtige Pfad soll zu äusserst rechts – östlich – den Rücken überschreiten und sein Anfang durch eine, nunmehr umgestürzte Signalstange bezeichnet sein. Auch am äussersten westlichen Rande, hart an den Wänden der Raffel, zeigt sich etwas, das wie ein Pfad aussieht, es ist jedoch ein Gemswechsel, der auf sehr schmalem Bande auf weite Strecke hin quer durch die Wand führt. Er ist jedenfalls schwierig zu verfolgen und seine Endigung auf die Schuttfelder des Bärnbachkars steht in Frage. Mitten in der Scharte, wo die Oesterr. G.-St.-K. [Generalstabskarte] den Steig angibt, ist keine Möglichkeit durchzudringen, weder für Mensch noch für Gemse.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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