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Home XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck Die Karwendelgruppe: ihre Erscheinung und Begrenzung; Theilung des Stoffs: touristisch, nicht orographisch
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XIV. Das Hohe Brandjoch bei Innsbruck

Die Karwendelgruppe, terra incognita

Hast Du die schneeglänzende, spitzzackige Alpenkette schon einmal Dir betrachtet, wie sie am südlichen Saume der schwäbisch-bayerischen Hochebene emportaucht, den Ankömmling aus dem flachen Lande, aus den Waldhügeln Mitteldeutschlands oder gar von den Sandwüsten der Mark, von den trostlosen Ebenen der Lüneburger Haide begrüsst, das erste Wahrzeichen einer neuen, von vielen Tausenden ersehnten Welt? – Hast Du, nachdem Dein Auge lange genug auf dem gewaltigen Eckpfeiler der Zugspitze geruht, dasselbe weiter schweifen lassen, gegen Osten, die Zacken des Wettersteingebirges entlang über den tiefen Durchbruch des Isarthales hinweg zu jener gedrängten Masse von Spitzen, Hörnern, Thürmen, die über den bayerischen Bergen, über der Benediktenwand sich aufbaut, wechselt in ihrer Gruppirung und neue Formen dem Blick darbietet in dem Masse, als Du Deinen eigenen Standpunkt veränderst? – Hast Du dann ein Panorama Münchens – des Peissenbers – des Starnberger Sees befragt, welches die Namen, welches die geographischen Stellungen jener Berge seien? – und wenn ja, so wirst Du in gedehnten Lettern über die ganze Gruppe hingeschrieben gefunden haben: "Karawendel-Gebirge" – sonst nichts, höchstens für zwei oder drei Spitzen Benennungen, die in der Wirklichkeit mitunter nicht einmal zutreffen.

*) Dieser Name, richtiger Karwendel geschrieben, kommt speciell der nördlichsten der vier Parallelketten der ganzen, grossen Gruppe (über deren Begrenzung s. den Text) und dem an ihrem Südfusse hinlaufenden Thale zu. – Da eine gemeinsame Bezeichnung des ganzen, wohl abgegrenzten Gebirgsstockes an Ort und Stelle durchaus fehlt, eine solche jedoch als höchst wünschenswerth erscheint, so habe ich auf ihre Bezeichnung im Flachlande zurückgegriffen und für denselben den Namen Karwendel-Gruppe in Anwendung gebracht.

Ein gutes Fernrohr zeigt Dir die Spitzenreihe wie sie an den Horizont grenzt, in zwei Ketten aufgelöst, deren zweite die culminirende Gruppe, eine dreifache Gipfelwelle mit östlich hinausgeschwungenem Horne*) trägt. Vor ihnen wogt dunkel bewaldet das bayerische Vorgebirge, die Sojern-Gruppe, die Isarberge bei Wallgau und in der Vorderriss, bis zur Benediktenwand und zum Blomberg bei Tölz. Liegt hinter jenem erhabenen Felsenkamme nun das Innthal? Schwinge Dich hinüber im Geiste über die schrofigen Zinnen und ihre schneeblinkenden Kare und Du findest Dich in einem öden, wohnungsleeren Thale, an der Wiege des Isarflusses, und im Süden steht Dir ein neuer Grat, steht eine Reihe neuer Felsenhäupter Dir entgegen. Uebersetze auch diese Schranke – und ein ganz ähnliches, einsames Thal, vom Gleirschbache durchrauscht, nimmt Dich auf: ein vierter Mauerwall steigt vor Dir empor, von seinen rundklotzigen Gipfeln erst blickst Du hinunter auf die Fluren des Innufer, auf die Hauptstadt Tirols, verfolgst das Dampfross durch die dunkle Furche des Sillthales bis hinauf zum Brennersee und begegnest im Süden den Firnkolossen des Zillerthales, des Stubai .......

*) Es ist diess der Oedkar- und Birkkarspitz. Seiner auffälligen Erhebung wegen bezeichnen ihn manche Panoramen naiv genug als Grossen Solstein, dessen angebliche gewaltige Höhe von über 9000' [3000 m] ebensowenig in Wahrheit besteht.

Doch auch der Bergschuh und das Eisen vermag den Weg zurück zu legen, den hier der Gedanke flüchtig durchmass, vermag die verlassenen, vergessenen Thäler aufzusuchen, die Uebergänge von einem zum anderen zu erspähen, den stolzen Gipfeln sich zu nahen, und siegreich ihre Häupter zu betreten. Oeder, darum unbequemer zu bereisen, in manchen Partieen schwieriger als gewöhnlich in seinen Ersteigungen mag das Karwendel-Gebirge sein, doch beides in nicht so hohem Grade, dass seine völlig Vergessenheit, sein Geschick, von der alpinen Welt in förmlichen Verruf gethan und todtgeschwiegen zu werden, dadurch gerechtfertigt wäre. Werden doch in anderen Gebirgs-Gruppen Jahr für Jahr Touren von hervorragender Bedeutung glücklich zu Ende gebracht und in alpinen Publikationen beschrieben – warum nur in diesem Gebiete Nacht und Schweigen? warum von dort keine Kunde "Erste Ersteigung des N. N., des X. X. Spitzes"? – sie waren noch vor wenig Jahren dort zu holen und minder schwer aufzufinden als in manchem vielbesuchten Gletscher-Gebiete. Ein Grund gibt Antwort hierauf: das Karwendel-Gebirge kennt keine Führer. Selbst sehen, selbst planen, selbst handeln ist hier die Losung.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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