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Home XXI. Verirrt im Vomperloch In der Tiefe des Vomper Baches Der Zwerchbach
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXI. Verirrt im Vomperloch

Gewitter; Fluth in der Klamm

Ueber zwei Stunden war ich vom G'richt-Alpel entfernt; ob ich im Stande sein würde, dorthin mich zurück zu finden, blieb sehr fraglich; und wenn auch, so stand ich, zu später Abendstunde, vor der Wahl, an der entgegengesetzten Thalseite das problematische Wegesuchen von Neuem zu beginnen, oder aber zum Haller Anger aufzusteigen, ungefähr vier Stunden weit. Beides gleich unausführbar. Das Gewitter entlud sich unterdessen mit furchtbarer Wuth; stromweise stürzte der Regen nieder, grell fuhren die Blitze durch's nächtige Dunkel der Schlucht und Donnerschläge prallten von Fels zu Fels umher, als wollten sie die Enge gewaltsam sprengend erweitern; durch alle Klüfte und Trockenrunsen schäumten kleine Kaskaden, von allen Mauerkanten hingen feuchte Dunstschleier in die Tiefe herab. Durchnässt, wie ich war, konnte mir wenig daran gelegen sein, einen längeren Patschgang im Wasser zu unternehmen; vielmehr ersah ich die nächste Gelegenheit, wieder in die Tiefe der Schlucht hinabzudringen, sie wollte ich fortan verfolgen, bis ihre Mauerbarren sich öffneten auf die Gefilde des Inn.

Ein dumpfes Brausen kam von dort mir entgegen, während ich, die Baumstämme, die Krummholzranken umklammernd, über die jähen Absätze des Gehänges mich hinabliess; und am Bache angelangt, vermochte ich an seinen Uferstrand bereits den Fuss nicht mehr zu setzen; zum reissenden Strome, vom Wand zu Wand das Thal erfüllend, war das grüne, plätschernde Gewässer angeschwollen, entwurzelte Bäume, abgerissene Aeste und Gesträuche trieb seine lehmgelbe Flut in Menge daher, Zeugen der Verwüstung, die im Inneren des Thales er bereits angerichtet, die er in weiter rasendem Laufe noch zu vollführen gedachte. Und immer neue Zufuhr sendete der erzürnte Himmel herab, in einer Sündflut das ganze Gebirgsthal zu begraben und Brüllen des Sturms, Knall und Schlag des Donners, Krachen der stürzenden Stämme und Felstrümmer, betäubt, lähmt den Vorwitzigen, der in die Werkstätte der Zerstörung unzeitig eingedrungen. Die schreckliche Aussicht, erschöpft durch Nahrungsmangel und Ueberanstrengung, der Wuth der Elemente schutzlos preisgegeben, eine zweite Nacht im Vomperloch verbringen zu müssen, gewann Fleisch und Bein; noch mochte ich ihn nicht fassen, den Gedanken der fast gewissen Wahrscheinlichkeit nicht in die Augen sehen, in den Zwerchbach und über den Zwerchbach zum Jägerhütt'l wollte ich den Ausweg mir erzwingen, und sollte ich aus dem Vomperloch auf den Huderbankspitz und von im herunter in die Schneepfann' steigen müssen.

Mit fiebernder Eile kommt ich den Waldhang wieder hinan, die Fichtenstämme umarmend, da in der schwachen, feuchten Moosdecke des abschüssigen Bodens die Sohlen kaum genügenden Halt fassten. Als ich wieder ein paar hundert Fuss über der Thalsohle war, lichtete vor mir sich der Wald und durch den Rahmen der Nadelzweige blickte ich hinunter, hinaus in ein zweites Vomperloch; eine tiefe, langgestreckte, eingewandete Thalschlucht, verschwommen in Regen, Sturm und Gewitter. Gehetzt und ermattet, jeder ruhigen Ueberlegung beraubt, bedurfte ich einiger Zeit, um mich zu fassen und die Erklärung dieser neuen Erscheinung, die doch so nahe lag, zu finden; ich war einfach auf eine ausgewöhnlich stark vortretende Zweigrippe hinaufgestiegen und sah natürgemäss von ihrem Scheitel in's gleiche Thal hinunter, aus dem ich gekommen. Nochmals bergan, um die Querlinie wieder aufzunehmen; ich mochte zuletzt wieder 600' [200 m] hoch über dem Vomperbache stehen; in solcher Höhe endlich fand ich das Gehänge gangbar und einen zweifelhaften Pfad, der einige Minuten lang meine Schritte leitete – dann war er wieder dahin. Mich verwunderte, entsetzte das nicht mehr.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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