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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXI. Verirrt im Vomperloch

Nacht in den Vomper Bergen [1870]

Nacht umhüllt die Bergöde, umhüllt Gipfel und Thal; schwarz zeichnen die gewaltigen Bauten vom schwarzen Himmel sich ab. Dort jagt das Wolkenheer dahin, eine endlose Wiederkehr phantastischer Gestalten; der über die Felsengrate heraufgestiegene Mond scheint Körper und Leben ihnen zu verleihen und wirft seine grellen Lichter in die zerspaltenen Wände. An ihren bleichglänzenden Flächen huschen die Schatten gespenstig vorüber, und der Luftstrom, der sie treibt, prallt gegen die Mauern und bläst in den Aeolsharfen ihrer Klüfte seine rauhen Melodieen. Todt und starr die Welt ringsum und doch ein geheimnissvolles Regen in den Grüften des Gebirges, in der Thäler versunkenen Grunde; ist's doch, als würde das Signal der mitternächtigen Stunde nur erwartet, dass die dunklen Pforten sich sprengten und ausspieen ihre Schreckgestalten und ein höllisches Treiben losbräche in dieser Wolfsschlucht riesengrossen Massstabes – – in diesen, in dieser Umwallung unnahbarer Wände und Zinnen, in dieser pfadlosen Welt der Zerstörung wäre wohl des Höllenfürsten würdigste Residenz!

Und hier, fern aller menschlichen Wohnung und Hilfe, habe ich Nachtlager bezogen nach anstrengendem, gefahrvollen Tagemarsche; Eiskarlspitz und Hoch-Glück sehen herab in's einsame Kar, das sie mit mächtigen Felsenarmen umspannen; von ihren Plattenflanken, von ihren schwindelden Firsten zurückgekehrt, ruhe ich unter dem Dache der Krummholzkiefer. Von Kälte durchschauert, suche ich auf dem struppigen Lager vergebens nach Schlaf; bald zusammengekauert, mit festgeschlossenen Augen möchte ich Gott Morpheus beschwören, seine wohlthätigen Fittige über mich zu breiten, hasche nach den Ameisen, die über's Gesicht laufen oder knicke einen Nadelzweig, der störend mich berührt; bald wieder, ergeben in das Schicksal einer schlaflosen Nacht, lehne ich erhobenen Hauptes auf dem Bergsack, starre hinüber nach der Cyklopenmauer des Speckkargebirges und hinauf zu den Sternen, die langsam ihre nächtlichen Bahnen beschreiben; – kehre die Uhr gegen das Mondlicht und trachte den Stand ihrer Zeiger zu erkennen, und ist's gelungen, so stecke ich sie missvergnügt wieder ein, nachdem ich mich überzeugt, dass deren Gang nicht in's Stocken gerathen – nein, leider nein; es ist noch nicht später.

Mit nahendem Morgen erst, als des Nachtgestirnes Schimmer zu erbleichen, die Tiefe des Thales mit frostigen Frühnebeln sich zu füllen begann, drückte ein Schlaf mit vollständiger Erschöpfung für ein paar Viertelstunden mir die Augen zu. Halb erwacht sah ich die Felsumrahmung im trüben Grau der ersten Tageshelle sich abzeichnen, sah dunstschweres Gewölke über die Gipfel dahinziehen und durch seine Lücken ein mattes, regenverkündendes Himmelsblau. Unbeholfen steif erhob ich mich aus dem Strauchwerk der Heidelbeeren und Alpenrosen; der Berganzug wurde marschbereit gemacht, das Gepäck zurecht gerichtet und geschultert, ein Stück Brod – die Hälfte eines kärglichen Restes, verzehrt und, kurz vor 4 Uhr, aufgebrochen zu neuem Tagewerke. Die Begeisterung war, ich gestehe dies gerne, nicht gar gross; ich wäre lieber draussen in Vomp und Schwaz gewesen, den materiellen Anforderungen der Natur zu genügen; doch drängte es mich, die Zeit zu nützen, der letzte Vomper-Gipfel*) sollte erstiegen, meine Wanderungen in diesem wildesten Reviere der Karwendel-Gruppe zum definitiven Abschlusse gebracht werden; dann mochte ich ruhigen Bewusstseins in den Abendstunden den Thalweg hinausziehen in bewohnte Gegend. Hinüber denn, in's Spritzkar!

*) Den am Knotenpunkte stehenden Grubenkarspitz von der Bezeichnung als Gipfel der Vomper Kette ausgeschlossen.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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