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Home XXI. Verirrt im Vomperloch Das G'richt-Alpel In der Tiefe des Vomper Baches
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXI. Verirrt im Vomperloch

Pfadlose Wildniss

Der helle Sonnenschein war längst erloschen, tiefes Wolkengrau deckte den Himmel und schwarze Wettermassen zogen langsam hinter den Zinnen des Rosslochs herauf; Regentropfen schlugen bereits an die Bäume, als ich aus ihrem Schatten austrat auf die Alpwiese. Da springt, kaum 10 Schritte von mir, aus dem Gebüsch hervor ein stattlicher Gemsbock, "schwarz wie der Teufel", sagen die Jäger; mit einem Satze ist er auf einem Felsblock inmitten der Lichtung und sieht sich nach dem Friedensstörer um. Ich mit Halloh ihm nach, bis er im Walde verschwunden ist.

Meinen bösen Dämon hatte ich gejagt; weg ist er, und mit ihm entschwunden ist auch der Weg. Anfänglich machte ich mir darob noch wenig Sorge; auf einer Waldblösse den Pfad zu verlieren, ist dem Bergwanderer nichts Ungewöhnliches, er muss ihn eben von Neuem wieder suchen. Ich spürte den Waldsaum ab, schlug einige Curven durch's Gehänge, in der Hoffnung, die Fährte irgendwo zu kreuzen – Nichts mehr! – Ich nahm eine Querlinie durch das ganze mögliche Revier des Pfadlaufes, vom Saume der Schlucht bis hinauf unter die Wände des Huderbankspitzes – keine Spur. Da ich naturgemäss bei diesem Umhersuchen doch in geringem Grade von dem Wunsche, thalauswärts vorzudringen, mich leiten liess, so hatte ich das G'richt-Alpel bereits ziemlich weit im Rücken, als die gänzliche Erfolglosigkeit meiner Bestrebungen zur Evidenz geworden war. Jenseits der Schlucht starrten die Wände mir entgegen; von einem Uebergange auf die Südflanke des Thales konnte nicht mehr die Rede sein, es blieb zu solchem Zwecke keine andere Wahl als die Rückkehr nach dem G'richt-Alpel.

Dazu mochte ich wieder nicht gerne mich verstehen; fing auch bereits ein Licht mir aufzudämmern an, was es mit der Pfadlosigkeit des Vomperlochs auf sich habe, so war ich des Bedenklichen meiner Lage mir immer noch nicht klar genug bewusst, um einen radicalen Entschluss zu fassen. Ich entsann mich, vom Jäger Oberleitstettner gehört zu haben, dass ein schwer kennbarer Steig vom Jägerhütt'l in das Thal-Innere führe, welcher an der sogenannten Katzenleiter – ein einladender Name! – die Klamm des Zwerchbaches überschreite; an den Zwerchbach aber musste eine Fortsetzung meiner Wegerichtung schliesslich mich führen, und dann, freilich vielleicht erst nach längerem Suchen, musste ich wohl auch die praktikable Uebergangsstelle antreffen. Und äussersten Falles blieb mir noch immer ein Ausweg: der Jäger hatte mir auch berichtet, dass man, soferne man nur das Waten im kalten Wasser nicht schaue, das Bett des Vomperbaches selbst bis an die Ausmündung der Schlucht bei den Häusern von Vomperbach verfolgen könne; die bedeutendsten Steilabstürze und Wasserfälle derselben bei Eintritt des Baches aus der Thalweitung der Au seien die einzigen sperrenden Hindernisse in seinem ganzen Verlaufe.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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