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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXI. Verirrt im Vomperloch

Ein Gemswechsel

Und dennoch war der Funken Lebenskraft noch nicht verloschen und dennoch regte er sich abermals zur That. Ist's wirklich stufenlos blanker Fels, der in der Tiefe sich aufthat? Ist's ganz unmöglich, ihn zu fassen, auch wenn das Aeusserste gewagt würde – und es zu wagen konnte ich mich nicht wohl bedenken. Doch nicht; etwa zehn Klafter tief unter der Kante zieht sich ein grünes, fussbreites Streifchen durch die Wand, verläuft in ein Plattengesimse unter überhängenden Schrofen und scheint mit den Trümmergehängen des Grabens sich zu vereinigen. Das Streifchen gewonnen und verfolgt – und entwischt bin ich dem Vomperloch, wie die Maus aus der Falle!

Längs der Kante abkletternd, bewerkstelligte ich in der That, wenngleich auf äusserst engem und bedenlichen Terrain, den Abstieg; das Rasenband zog sich wieder schräg in die Höhe und erleichterte dadurch bedeutend den Gang auf dem beschränkten, schlüpfrigen Raume, auf welchem durch die fast mathematisch lothrechte Wand zur Linken die freie Bewegung in hohem Grade behindert war. Unterbrechungen zeigte das Gesimse zu allem Glücke nicht; ja stellenweise schien es sogar, als diente es einem nicht selten betretenen Pfade. Zuletzt verlief es unter einer Wölbung schwarzer Mauerschrofen, die Rasenbekleidung wich einem mit feinem weissen Sande bedeckten Platt. Kriechend passirte ich das enge, niedrige Thor, welches kaum genug vertikalen Raum gab, um mich und meinen Bergsack hindurchzulassen. Die rechte Hand fasste die Ecken der Kante, von welcher Steilwand, freilich nur etwa 40' [13 m] noch, aber absolut senkrecht, in den Graben abstürzte; in der feinen Beschüttung des Platts erkannte das gesenkte, am Boden hinstreifende Auge die Fährten von Gemsen – ich wusste nun wohl, wessen Weg ich gegangen war. Nur wenige Schritte lang währte die hinderliche Ueberwölbung; ich konnte mich wieder erheben, die Breite des gangbaren Bodens vermehrte sich zusehends, während der Absturz zur Rechten in gleich raschem Masse verschwand. Nach einigen Minuten stand ich hoch aufathmend, in der Sohle des Grabens; eine halbe Viertelstunde später betrat ich das Ufer des Zwerchbachs.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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