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Home XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge Eine Ersteigung in der Mieminger Kette Ansicht desselben im Innthale und in der Leutasch
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge

Namen und Stellung dieses Gebirges; seine Bauart

Ich meine jene Kette gewaltiger, klotziger Kalkmauern, die den Oberlauf des Inn von Telfs ab begleitet, ihren Fuss auf die Terrasse von Miemingen [Mieming] und Obsteig setzt und durch den Pass Holzleiten mit dem langgestreckten, eingipfligen Tschürgant [Tschirgant] zusammenhängt; welche ihre getheilten, westlichen Ausläufer einerseits in's Thalbecken von Lermos [Lermoos] entsendet und dort die prachtvolle Pyramide des Sonnenspitzes emportreibt, andererseits mit dem Zugspitz-ähnlichen Wanneck auf den Thalboden von Nassereit niederfällt und durch den Pass Fern [Fernpaß] mit der Gruppe der Lech-Alpen sich verknüpft. Der östlichste Gipfel dieser Kette, der Hohe Munde*), ist der einzige, welcher bekannt und öfters besucht ist; auch der obengenannte Sonnenspitz bei Lermos erfreut sich eines Namens, der über die nächsten Thäler und Kare seiner Umgebung hinausreicht, und die herrlichen Bergseen an seinem östlichen Fusse sind das Ziel mancher Bergtour**); der Mittelstock, in welchem vier gewaltige Gipfel ersten Ranges und ein minder bedeutender Zwischengipfel sich aneinanderreihen, ist kaum dem Namen nach in der alpinen Welt bekannt, obgleich die breite Touristenstrasse durch's Oberinnthal nach Arlberg und Finstermünz an ihrem Südfusse – der häufig benutzte Gebirgspass über die Pestkapelle an ihrem Nordfusse vorüberführt, obgleich sie ein mächtig hervorragendes Aussichtsobject der vielbesuchten Zugspitze bilden.

*) Ich halte diese Schreibart für die richtigste; für die gewöhnlich gebräuchliche "Mundi" findet sich im Sprachlaute der Einheimischen durchaus kein Anhaltspunkt. Letzterer klingt in der breiten Tiroler Mundart zuweilen wie "Munda", meist aber als Munt'nHohe Munt'nTelfser Munt'n.
**) Was die Besteigung des Sonnenspitzes selbst anlangt, die man ebenfalls nicht selten als eine gewöhnliche, häufig ausgführte nennen hört, so ist dieser Punkt mir höchst zweifelhaft, oder vielmehr, ich weiss ziemlich genau, was ich von diesem Punkte zu halten habe. Meiner persönlichen Erfahrung zufolge zählt die Beschreibung des Sonnenspitzes zu den schwierigsten in den Nördlichen Kalkalpen überhaupt; wenn sich bei meinem Besuche auch Vieles noch verschlimmerte durch den Umstand, dass ich mitten in die Gewitterwolke gerieth (Eine Beschreibung s. Ausland 1873, No. 41), so glaube ich dennoch in keiner Ueberschätzung der thatsächlich vorhandenen Schwierigkeiten mich zu bewegen, wenn ich den Sonnenspitz unter den Kalkzinnen Nord-Tirols mit in den ersten, nur von wenigen Ausnahmen noch überbotenen Rang stelle und dessen Besteigung als einen Prüfstein für jeden Bergsteiger bezeichne. Die blosse Angabe, dass die Besteigung von halber Gipfelhöhe ab auf der nördlichen, dem Wanderer auf der Strasse von Pass Griesen nach Lermos direct zugewendeten Pyramidenseite vor sich geht, dürfte einigen Beleg für die Unrichtigkeit meiner Angabe liefern. Wie ein solcher Gipfel in unsern stiefmütterlich behandelten Nördlichen Kalkalpen zu häufigen Touristen-Besuche kommen sollte, ist nicht wohl erklärlich. Auch wurde von den Sennen der Seeben-Alpe mir mitgetheilt, dass nicht selten fremde Herren zu ihnen hinaufkämen, die Absicht aussprächen, den Sonnenspitz zu besteigen, denselben auch anstiegen und nach einigen Stunden zurückkehrten, sagend, sie seien oben gewesen. Gesehen hätten sie auf jenem Gipfel (von welchem allerdings einige notorische Ersteigungen bereits vorliegen) niemals einen dieser Herren und hätten diess der grossen Entfernung zugeschrieben, bei meinem Besuche jedoch sich überzeugt, dass man einen Menschen auf der Spitze von ihrer Hütte aus sehr wohl mit freiem Auge erblicken könne. Der Touristen-Besuch des Sonnenspitzes geht augenscheinlich blos auf die Terrasse am nördlichen Fusse der Pyramide, vielleicht auch noch bis in halbe Höhe der letzteren, wohin von Nordosten her gut gangbarer Grasboden reicht, und wo bei Wendung um die Kante bereits der volle Ausblick gegen Westen, sowie auf das Thalbecken von Ehrwald-Lermoos sich eröffnet.

Es setzt diese ganze Kette, wie ich bereits andeutete, gegen Süden nicht unmittelbar auf die Thalsohle des Inn, sondern auf jene, fast stundenbreite Terrasse nieder, welche, gegen 800' [270 m] über erstere erhoben, die Ortschaften Unter- und Obermiemingen, Wildermiemingen, Barwies und Obsteig nebst einer Anzahl kleinerer Weiler trägt, und über welche die in Telfs bereits sich theilende Poststrasse nach Nassereit – Lermos – Reutte führt.
Von dieser "Mieminger Terrasse" leite ich den Collectivnamen für die gane Kette her, deren Gipfel, mit Ausnahme des Grünstein *), von Ober- oder Wildermiemingen aus bestiegen werden. Einen fast abgetrennten Stock bildet die breitgeschulterte Bergmasse der Hohen Munde, welcher eben durch diese seine selbständige Stellung auch eine gewisse Berücksichtigung in Benennung der Gruppe erheischt, welcher er angehört. Ich habe deshalb mich dahin schlüssig gemacht, das Kalkgebirge des Innthals von Telfs bis Nassereit, im Süden des Wettersteingebirges und nur durch das enge Thal des oberen Leutschlaufes, das Gaisthal, von ihm getrennt, als das Munde-Mieminger Gebirge zu bezeichnen.

*) Ausgangspunkt für diesen ist die Marienberg-Alpe oder Obersteig [Obsteig???] (Aufstieg durch den Lehnenberger Bach.). Auch für die Hoch-Wand ist es nicht unbedingt nöthig, von Miemingen auszugehen (Näheres darüber im Verlaufe dieses Capitels), wohl aber für die beiden höchsten Gipfel der Mieminger Kette, Obere Platte und Hohe Griesspitz.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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