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Home XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge Namen und Stellung dieses Gebirges; seine Bauart Mondnacht auf dem Pass Fern [Fernpaß] [1873]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge

Ansicht desselben im Innthale und in der Leutasch

Kahlwandig, glänzend weiss, in breitgeformten Massiven treten seine Gipfel dem Wanderer entgegen, der am Ufer des Inn seine Strasse entlang zieht. Wenige und wenig ausgedehnte Kare dringen in den Körper der Bergkette ein; die Gipfelstöcke dachen in der ganzen Breite ihrer Flanken steil gegen Süden ab und stürzen ein- bis zweitausend Fuss unterhalb ihrer Scheitelgrate, mit geschlossenen Steilwänden zur Tiefe. In gleicher Weise brechen die kurzen Seitenarme, welche hier und dort der Hauptgrat entsendet, mauersteil in die Kare nieder; jene Zweigkämme aber, welche die Thalsohle, beziehungsweise die Terrasse am Fusse des Gebirges erreichen, verbinden sich mit dem Hauptmassive des Kammes bereits in dessen halber Höhe und schmal, oft scharfgratig sind die Glieder, welche mit jenem sie verketten, während sie in starker Verbreiterung, wieder mehrfach getheilt, auf die Mieminger Terrasse sich absenken. Erst im westlichen Theile des Gebirges, in der Umgebung des Grünstein finden wir zwei Thäler (Marienberg und Lehnenberger Bach), welche in geradelinigem Verlaufe Scharten des Hauptgrates berühren; ebenso sinkt sich die breite Thalung, welche den Hohen Munde vom Mieminger Gebirge im engeren Sinne abtrennt, vom Niedermunde-Sattel auf dem Hauptgrat in ununterbrochenem Verlaufe herab nach Telfs. Die Thäler des Mittelstockes dagegen, Stödlbach und Judenbach, enden als wirkliche Querthäler bereits am Fusse des Gebirges; der erstere am Vereinigungspunkt mehrerer, zum Theil steilwandig abstürzender Kare, der zweitgenannte in einem ächten Cirque, wie er ausgeprägter und grossartiger wohl schwerlich in unsern Kalkalpen zu finden sein dürfte.

Die Nordseite des Mieminger Gebirges zeigt ein von den geschilderten Charakterzügen der Südflanke völlig verschiedenes Aussehen. Wieder unterscheidet sich der isolirte Stock der Hohen Munde auch seinem allgemeinen Baue nach von dem übrigen Gebirgskamme; absatzlos senkt sein Steinmassiv, zu unterst mit dunklem Wald umkleidet, sich auf die Sohle des Gaisthales, und breit zieht aus dieser die Einsenkung zum Sattel des Niedermunde sich hinauf. Im Inneren des Gaisthales aber erblickt der Bergtourist, zur Pestkapelle emporsteigend, an seiner Linken die abgeschnittenen Ränder ausgedehnter, tief in's Gebirg einbuchtender Kare, getrennt von scheinbar isolirten, gewaltig aufragenden, meist pyramidalen Felsgipfeln. Es sind die Nord-Ausläufer des Mieminger Gebirges, welche mit niedrigen, geröllüberdeckten Sätteln an den Fuss der Hauptkette sich anfügen, ihr gegenüber zu ansehnlichen Höhen sich emporschwingen und ebenso plötzlich wieder abstürzen. Der bereits genannte Sonnenspitz bei Lermos ist, genau betrachtet, der Prototyp dieser Ausläufer des Mieminger Gebirges; man kann ihn, da eine weitere Fortsetzung des Hauptkammes gegen Westen nicht mehr vorhanden ist, freilich auch als in einer Umbiegung des letzeren stehend betrachten. Der Hauptgrat der Mieminger Kette wird dem Wanderer im Gaisthale nur wenig, und seiner weit zurückgerückten Lage halber nur in höchst gedrückter Stellung sichtbar; steigt man aber hinauf zur Höhe des Gatterl, wo der Pfad hinüberleitet zum Plattacher Ferner, und hinunter zur Wiege der Partnach – da recken sie sich im Süden empor, die flachgewölbten, tausendfach verzackten Rücken der Mieminger Gipfel; da öffnet sich der tiefe Einblick in ihre weitgespannten Schuttbecken und da ermisst das Auge erst die gewaltige Höhe der Mauern, welche sie an den Saum dieser Geröllmeere niedersetzen. In geschlossener Wand reiht da ein Gipfel sich an den andern, nur die Hebung und Senkung des Gratscheitels unterscheidet sie. Im Mittelstock des Mieminger Kammes und dem jenseits des Gaisthales auf ihn folgenden Wettersteinkamme reproducirt sich die gleiche Gebirgsstruktur, wie in den vierfachen Parallelketten des Karwendel.

Auf einen dieser Gipfel nun, die nie vom Touristenfuss noch betreten, kaum jemals anders, als in weitestem Bogen von ihm umgangen wird, wollte der Leser mich begleiten.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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