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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVII. Die Obere Platte im Mieminger Gebirge

Seltsame Funde in der Hochgebirgszone

Nun waren wir im Keller. Eine Treppe führte aufwärts, in den Küchenraum; zum Glück hatte sie keine verschlossene Fallthüre. Von der Küche kamen wir dann in's Erdgeschoss nebenan. Wunderlich genug sah's da aus. Lange Tische und zahlreiche Stühle, alle gleichmässig angestrichen, wie in einem Gastzimmer, Leuchter, Flaschen, Teller und anderes Geräthe die schwere Menge; auf einem Tische ein Malerapparat, aufgeriebene Farben, Pinsel, dazwischen wieder Werkzeuge dem Drechseln und Schnitzen. Wir stiegen dann noch die zweite Treppe hinauf und gelangten unter Dach. Da fand sich noch seltsameres Gerümpel, zum Theil seinem Zwecke nach schwer bestimmbar. Ein Kegelspiel – die Kegelbahn, der es einstmals diente, befindet sich in total ruinosem Zustande –, Schiessscheiben, theilweise schon von Kugeln durchlöchert, theilweise noch intakt im Vorrath, Fahnen und Beleuchtungsapparate, zwei Scheibenfiguren, martialische Tiroler und Joppe und Federhut, die ernst die einsamen Räume bewachen; Krüge, Flaschen, Tassen, Wein- und Schnapsgläser, Töpfe, Holzteller, Stellagen, Laden, Stangen, Schragen und – ein Bett.

Ich war zufriedengestellt; hier hatte ich ein Logis gefunden, wie ich vorteilhafter der Lage und Beschaffenheit nach es kaum wünschen konnte. Nur ein Mangel haftete ihm an: ein Mittel, die Thüre aufzuschliessen, fand sich auch von Innen nicht und für die Communication nach Aussen blieb es definitiv beim Kellerloch. Zwei Nächte und zwei Tage beherbergte mich dies Asyl in der Bergeinsamkeit; früh Morgens zur Bergfahrt ausziehend – des Abends heimkehrend von den Felsenhöhen kam und verschwand ich wie der Fuchs in seinem Bau. Meine einzige Sorge für die nächste Zeit betraf den Proviant. In diesem Artikel hatte die Nachsuche nicht das bescheidenste Resultat ergeben. Ich beauftragte den Hirten, mir am folgenden Tage, wenn er aus civilisirter Gegend in seine Hochalpe zurückkehre, einen tüchtigen Laib Brod mitzubringen; denn mein Vorrath reichte höchstens für heute Abend und für die morgige Bergtour. Auch für Wasser musste gesorgt werden. Das Haus besitzt leider keinen Brunnen und muss die Flüssigkeit aus dem Graben, den der Weg überschreitet, wohl ein paar hundert Fuss tiefer, heraufgeholt werden. Um diesen unfreiwilligen Spaziergang wenigstens nicht wiederholen zu müssen, packte ich gleich einige der leeren Weinflaschen in den Rucksack. Dieser wurde durch's Fenster hinausgesenkt, wir stiegen in den Keller zurück und krochen die die enge Pforte hinaus in's Freie. Bald waren wir wieder unten im Graben, und ich füllte meine Flaschen mit dem klaren, kalten Bergwasser.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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