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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 Schluss

Wann wird die Vernachlässigung der Nördlichen Kalkalpen ein Ende erreichen?

Ich habe den Leser über die Zinnen der Hoch-Gebirge von einem Ende der deutschen Reichs-Marken zum anderen, habe vom Königssee bis an den Bodensee ihn geführt. In unbekannte Wüsteneien ist er mit mir eingedrungen, wo selten, nie vielleicht noch ein eiserner Tritt der Gemsen Ruhe gestört. Ob er zufrieden seinen Begleiter verlässt, welcher die hohen Ziele ihm gezeigt, auf ihre Zahl ihn hingewiesen, das zu beurtheilen vermag ich nicht. Eins nur wiederhole ich, eine Frage, die schon im Eingange dieses Buches gestellt wurde, werfe zum Schlusse wiederholt und abermals wiederholt ich auf. Wann wird es anders, wann wird es lichter werden in den vaterländischen und den vaterländischen Grenzen benachbarten Gebirgen? – Wie lange soll es noch währen, vom Strome der Alpenfreunde sie förmlich gemieden, ihren Besuch auf einzelne Sommerfrisch-Orte beschränkt zu sehen und auf einige wenige Spitzen unter Hunderten? –

Noch stehen sie da, in reicher Menge, die Gipfel, die Alpen-Gebiete, die vom Touristenfuss noch unberührt, noch unbenannt sind von beschreibender Feder. Warum gilt hier nicht der Reiz des Neuen? warum hier immer und immer auf der alten Bahn? – warum sucht man in den Kalkalpen die neuen, vielleicht noch unerstiegenen Gipfel nicht mit dem gleichen Eifer wie in den Gletscher-Revieren? –

Die Antwort hierauf habe ich in der Einleitung bereits gegeben. Mehr Mühe, und mehr eigene Thätigkeit erfordern die Wanderungen in den Kalk-Gebirgen. Selten ist eine Strecke derselben mit der Gletscherstrasse auch nur in entfernten Vergleich zu bringen. Die Sicherung, die Hilfe von Seiten der Führer, ist eine geringere, auch wenn man solcher sich bedient. Die Culminationspunkte der Gletscher-Gebiete sind häufig – meistens sogar – unerstiegen ihrer entfernten Lage in weiten unbetretenen und wenig bekannten Firnbecken wegen. Wer sich entschliesst, die Schritte einmal ein paar Stunden lang in veränderter Richtung durch die Eiswüsten zu lenken, ersteigt den unerstiegenen Gipfel, oft ohne die geringste Schwierigkeit. Eine Kalkzinne dagegen, die nahe dem Bereiche lebendiger Natur sich rückte, welche der Mensch vom Schauplatze seines Treibens aus, sozusagen, mit Händen greift, – ist sie unbetreten, so hat ihr Aussehen bis heute jeden Besucher, so nachbarlich er ihr auch stand, zurückgehalten*). – Hier gilt es Probe; wer sie gewinnt, hat gethan, was Andere nicht gewagt.

*) Ich hoffe mit dieser allgemeinen Parallele nicht missverstanden zu werden. Ich weiss sehr wohl, dass auch in den Gletscher-Gebieten Gipfel bestanden und noch bestehen, deren gefahrdrohender Anblick von jeder Besteigung bisher abschreckte; und das Umgekehrte kommt wohl auch in weitgedehnten Kalkalpen-Revieren vor, wie z.B. in der Karwendel-Gruppe. Hier fand ich freilich manchen jener Gipfel, für welche eine frühere Ersteigung nicht nachweisbar (allerdings nicht unwahrscheinlich) ist, als ganz leicht zugänglich.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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