[Kalkalpen-Startseite] [Vorbemerkungen (bitte zuerst lesen!)] [Stichwortverzeichnis] [Impressum] [Kontakt]
Home XXVI. Der Hoch-Blassen XXVI. Der Hoch-Blassen Sein Doppel-Gipfel; Zweifel bezüglich des Weges nach seinem Fusse
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVI. Der Hoch-Blassen

Stellung des Hoch-Blassen gegenüber der Alpspitze; seine Bedeutung für den Rainthaler Kamm

Neben der Zugspitze ist der letzte Gipfel des Rainthaler Kammes, die Alpspitze, derjenigen Kulminationspunkt des Wetterstein-Gebirge, welcher am häufigsten des touristischen Besuches sich erfreut; und nicht mit Unrecht. Ein Panorama seltener Grossartigkeit, das Höllenthal mit seinem eisigen, den Zugspitzfuss umkleidenden Hintergrunde zur einen – die riesigen Wände des Wettersteinkammes, die Dreithorspitze, zur anderen Seite, wüste Kare wechselnd mit grünen Alpentriften in anmuthigem Wechsel um's Fundament der Pyramide hingelagert, verbindet sich mit einer leichten, sicheren, wenn auch nicht ganz mühelosen Besteigung. Wer auf der Alpspitze steht, der sieht den Hoch-Blassen; sieht im Südwesten die schwarzzahnige, in zwei gleichförmigen Kuppen sich aufwölbende Mauer, mit ihrer langen Gratfortsetzung hinein in's Rainthal. Er fühlt auch gar wohl, wie gewaltig dieser Nachbargipfel seinen eigenen Standpunkt überragt. Im Wetterstein-Gebirge selbst macht der Hoch-Blassen neben der sich vordrängenden Alpspitze meist nur geringen Effekt, sein schartiger Gipfelgrat erscheint neben der letzteren regelmässig in weit tieferem Niveau; wer von ebenbürtiger Höhe aus die ganze Gruppe sich betrachtet, dem freilich wird über den Vorrang des Hoch-Blassen kein Zweifel mehr bestehen. Und für das Flachland vollends existirt die Alpspitze nicht mehr. Zeichnete nicht ihr östliches Schuttgehänge als helle Linie in den Bergmassen sich ab, keine Spur von ihr wäre zu entdecken. Die Doppelkuppe des Hoch-Blassen ist es, welche für das bayerische Flachland das Hochgebirge, das von der Zugspitze gegen Osten zieht, abschliesst.

In gewisser Bedeutung kann auch wirklich der Hoch-Blassen als der letzte Gipfel des Rainthales Kammes gelten; man kann im Grate, der ostwärts von ihm ausstrahlt, zum Blassenspitz und zum Hohen Gaif sich erhebt, um vom Gaifenkopfe aus in's Hochplateau der Stuibenalpe sich zu verlieren, die wahre Fortsetzung des Rainthaler Kammes erblicken; denn dieser ist es, welcher das Rainthal begleitet. Der nordöstlich ausbiegende und zunächst zur Alpspitze aufgipfelnde Hauptkamm dagegen verzweigt und verästelt sich von letzterer aus in der mannigfachsten und regellosesten Weise. Das Bodenlahnthal, die Hochalpe, die Joche gegen das Höllenthal, über welche die im vorigen Capitel beschriebene Wanderung nach dem Waxenstein mich führte, haben den Leser mit jenem, ziemlich häufig besuchten Vorgebirge des Wetterstein, bekannt gemacht. Das Kreuzjoch mit seinen breiten, zertheilten Gehängen, begleitet und engt das Rainthal bis zum Rainthaler Hofe. Sobald die Bodenlahnbrücke überschritten ist, hat man bereits Fühlung mit den Dependenzen des Hoch-Blassen. Zunächst ist es das Plateau der Stuibenalpe, dessen Fuss man umkreist; biegt man um den gewaltigen Eckpfeiler, unter dessen senkrechten Wänden die Bockhütte liegt, sieht man das Hintere Rainthal sich öffnen, das Platt, den Ferner und den blanken Kegel des Gatterlspitzes erscheinen, dann hat man rechter Hand die Südflanke des Hoch-Blassenkammes vor sich. Noch sind's die grasdurchstrichenen Steilhänge, die vom Stuibenplateau, von der Scharte "An der Mauer" und von der Graterstreckung zum Hohen Gaif sich abtiefen; dort in der Höhe, die dem Blicke sich verbirgt, liegen die ausgedehnten Schafweiden des Schönbergs. Oeder und eintöniger werden die Gehänge, Schutt, Plattenlagen, mit sparsamen Gebüschen bewachsen, decken die Bergflanke. Seltsam gebrochene Mauern ragen zackig in der Höhe auf; man möchte sie für Gipfel des Grates halten, sucht unter ihnen vielleicht nach der Doppelkuppe des Hoch-Blassen und findet man sie nicht, so bezieht man diess etwa darauf, dass man, nachdem stundenlange die ihr benachbarte Alpspitze entschwunden, sie bereits im Rücken haben müsse. Mit nichten; ein Blick auf die Karte lehrt, dass der Hoch-Blassen einen westlich gelegenen Meridian, als selbst der Hoch-Wanner, der westlichste Gipfel des Wettersteinkammes besitze; dasss man von der Angerhütte aus erst seinen Gipfel in direkter Höhenrichtung gegen Norden zu suchen habe. In rascher Folge drängen dann die Gipfel des Hauptkammes sich aneinander; die kurze Horizontalstrecke, die im Anstiege vom Anger nach der Knorrhütte zurückgelegt wird, bringt uns bereits westlicher als ihr westlichstes Haupt, die Innere Höllenthalspitze (oder Brunnthalkopf). Was bis zum Anger hinein das Rainthal nördlicherseits begleitet, d. h. die Nordschranke fast des ganzen Hinteren Rainthals, ist nicht Hauptkamm, ist blosser Ausläufer des Hoch-Blassen. Die ruinenartigen Mauern, die von der Höhe in die Thalsohle der Partnach herunterschauen, sie sind blosse Abstufungen in seiner Flanke; über ihnen liegen wieder weitgedehnte Flächen und Kare: der Innere Schönberg, das Blassenloch, die Weideplätze "Am Blassen", das Vollkar breiten dort oben sich hin; und ihrem Saume erst entsteigen die Gipfel, die nur von seltenen Punkten des Rainthales aus erblickt, nur von dem kundigen Auge als solche erkannt werden.


Copyright © http://alpinhistorie.bergruf.de/barth/kalkalpen/
Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

Home XXVI. Der Hoch-Blassen XXVI. Der Hoch-Blassen Sein Doppel-Gipfel; Zweifel bezüglich des Weges nach seinem Fusse