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 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Die Höllenthalspitzen

Uebergang nach der Mittlere Höllenthalspitze

An den zertheilten Gipfeln des Waxensteins endet der gewaltige Halbkreis. Ich kehrte mich ab gegen Osten – der Betrachtung folgte nun bald wieder thätiges Vorgehen. Die Mittlere Höllenthalspitze, der dreizinnigen Gruppe höchster Punkt, war das Ziel, – das letzte im Wetterstein-Gebirge. Hinunter am Plattenpanzer des Gipfels, durch den Tobel hinüber auf die jenseitige Wand und wieder aufwärts zum losgesprengten Zacken. Ein letzter Blick zurück nach Westen – jetzt gefällt mir erst, der des Morgens mich erschreckte! und hinab in's streifige Schutt- und Plattengehänge. Der kühne Obelisk ist mit dem ersten Schritt vom Grate weg entschwunden, so plötzlich, wie seine Erscheinung war. Raschen Fusses querte ich die Bergflanke und entfernte mich bald merklich von der Linie, die ich im Anstiege über dieselbe verfolgt; denn die Absicht, einen neuen Gipfel zu ersteigen, liess mit der Höhe mich geizen. Je weiter ich gegen Osten vordrang, um so coupirter wurde das Terrain, zahlreicher und massiger die entgegenstehenden Felsdämme. Manche Klippenreihe wurde umgangen, jenseits deren ich ein sperrendes Hinderniss vermuthete, eine Erwartung, die jedoch jedesmal eine angenehme Täuschung erfuhr. Zuletzt traf ich wieder auf eine tief eingerissene, in plattigen Stufen sich hebende Kluft, ganz ähnlich derjenigen, welche aus dem Gamskar mich heraufgeführt hatte. Ein Stockwerk höher gelangte ich wieder auf die Schuttplätze und Plattschichten und querte sie weiter gegen Osten. Bald befand ich mich im innersten Winkel, welchen der Hauptgrat mit dem Ausläufer der Mittleren Höllenthalspitze bildet, eine beckenförmige Trümmereinlagerung, ihrer ganzen Breite nach von einer etwa 50' [17 m] hohen Mauerstufe geschlossen. Ein enges, aber gut gangbares Gesimse, fast einem künstlich angelegten Wege gleich, beginnt in ungefähr der Mitte des Steilabsatzes und kehr nach einigen Zickzackzügen schräg nach der rechten Seite sich ab. In wenigen Minuten hatte ich die Höhe gewonnen und sah vom flachen Geröllsattel hinunter in's Kirchelkar; der Grat dacht in dieser Richtung tief und steil, doch nichtr ungangbar sich ab.

Nur eine geringe Höhendifferenz trennte mich noch vom Gipfel; ich verfolgte den Gratscheitel, dessen Steigung sich als nicht besonders stark erwies, dagegen bot er nur einen äusserst schmalen First und seine Zerspaltung zu dünnen Plattenzacken nöthigte zu mancher Umgehung nach der Westseite. Als mässig breite Schuttwelle verknüpft er sich schliesslich mit dem Hauptkamme. Noch wenige Schritte gegen Osten, und ich stand auf dem höchsten Punkte der flachgezogenen Gipfelwelle. Wieder lag zu meinen Füssen der düstere Schlund des Höllenthals, mir gegenüber die zerklüftete Flanke des Waxensteins – im Westen wieder die Zugspitze und näher meinem Standpunkte eine schlanke silbergraue Säule, mir wohl bekannt. Hätte ich von diesem Orte aus zuerst sie gesehen, ich hätte wohl schwerlich an ihre Ersteigbarkeit geglaubt.

Um 10 Uhr 55 Min. hatte ich die Innere Höllenthalspitze verlassen, um 12 Uhr 5 Min. die Mittlere erreicht (8412' 2733 m. Walther). In direktem Anstiege vom Gamskar würde sie, wie die erstere, in 1 Stunde, vielleicht, da kein Abstieg, wie bei jener vorkommt, in kürzerer Zeit noch zu gewinnen sein. Ihre Besteigung ist von sehr mässiger Schwierigkeit, der Ausblick, den sie bietet, fast ebenso lohnend als der von der Inneren Höllenthalspitze; namentlich eröffnet sich auf ihr das gleiche interessante Bild des Höllenthalferners, wie dort. Wenn einmal das Zeitalter der Mode-Touren vorüber sein wird, so mag die Mittlere Höllenthalspitze ein geeignetes Excursionsziel für geübtere Alpenwanderer bilden und die Knorrhütte häufiger als bis jetzt ihre Gäste in östlicher Richtung zur Bergfahrt ausziehen sehen.

Der Scheitel der Mittleren Höllenthalspitze bildet einen gestreckten, aber äusserst schmalen Raum; wer auf denselben sich niederlässt, muss diess mit einiger Vorsicht thun, namentlich, wenn der den Blick gen Norden zu kehren beabsichtigt; denn alsdann hat er vom Grate weg, auf dem er Platz genommen, die Füsse unmittelbar über der Tiefe des Höllenthalkars hängen. In östlicher Richtung senkt der Kammscheitel des Gebirges sich äusserst mässig und zieht fast horizontal zur Aeusseren, bedeutend niedrigeren Höllenthalspitze. Ein Uebergang dorthin, den ich Mangels an Zeit und Zweck nicht mehr in Ausführung brachte, würde nicht die geringste Schwierigkeit verursachen. Sehr wahrscheinlicher Weise liesse von der Aeusseren Höllenthalspitze in etwas tieferer Zone ein Uebergang in's Vollkar und eine Querlinie durch letzteres bis an den Fuss des Hoch-Blassen sich entdecken. Es könnte daher ein tüchtiger, ausdauernder Felsenklimmer des Morgens mit der Inneren Höllenthalspitze beginnen und in den ersten Nachmittagsstunden bereits auf dem Hoch-Blassen stehen, nachdem er seinen Weg über die Mittlere und Aeussere Höllenthalspitze genommen; besuchte er dann noch den südlichen Haupt-Gipfel des Hoch-Blassen und kehrte über den Schönberg oder durch das Grieskar*) nach dem Rainthaler Hofe zurück, so wäre diess eine Gratwanderung grossartigen Massstabes. Vielleicht findet sich Einer, der sie vollführt. Die Wege sind gebahnt, gewiesen; es handelt sich einzig mehr um ihre praktische Verkettung.

*) Mit nördlicher Umgehung des nördlichen Hoch-Blassen-Gipfels, die ich mit ziemlicher Bestimmtheit für ausführbar halte.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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