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Home XXVII. Die Höllenthalspitzen Die Höllenthalspitzen auf dem Rainthaler Grat; Orographisches Abend an der Pestkapelle [1871]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Die Höllenthalspitzen

Der Wartthurm des Weissthals

Da steht im Westen ein abgespaltener, krummer Höcker, so recht die Charakteristik der Wetterstein-Gipfel; fast körperlos, eine ruinenartige, zerfallende Mauer, auf hohen Bergfirst hingebaut. Senkrecht stürzt sie gegen Westen ab, wohl ein halbes Tausend Fuss tief, der Schlusspfeiler der Gruppe der Höllenthalspitzen. Vonihrem Fusse erhebt der Zugspitz-Grat in sehr gemässigter Steigung sich zu seiner Gipfelhöhe. Aber weit ist die Strecke bis dorthin; und trotz des geringen Neigungswinkels bewältigt die Gratlinie an 1200' [400 m] bis zu ihrer culminirenden Höhe. Ein sattelartiger, durch tiefen Spalt von dem ersten Gipfelhaupte der Höllenthalspitzen-Gruppe getrennter Nebengipfel entsendet den ersten grösseren Ausläufer. In der Gratnähe zu wilden Klippen zerspalten, dann in breitere, gen Westen schräg abgedachte Felsenköpfe übergehend, senkt er sich hinunter als Grenzschranke des Platts. Am Fusse seiner durchklüfteten, in schiefen Platten aufgeschichteten Strebepfeiler liegt die Nacht-Station der Zugspitz-Ersteiger, die Knorrhütte; dort quillt aus unsichtbaren Spalten des Gesteins eine geläuterte Wasserader des Plattacher Ferners hervor. Und längs des schuttumlagerten Fundamentes dieser Kette dehnen sich die steilen Trümmerhalden zum Weissthal hinauf. Verfolgen in früher Morgenstunde die Zugspitzwanderer ihren Weg dort hinauf, ziehen sie durch die öde Thalung dem Firnplateau und dem höchsten Gipfel der Nordtiroler Kalkalpen entgegen, und finden sie Zeit und Frische genug, vom ermüdenden Boden der Plattenhügel und Sandreissen den Blick zu erheben und einmal rückwärts zu kehren, da sehen sie über dem Gewirre der Felsmassen langsam eine gewaltige Säule sich emporbauen. Immer höher wächst sie heran, je weiter der Schritt von ihrem Fundamente sich entfernt; und endlich steht zehnfach thurmhoch ein krummes, schwarzes Horn auf dem Rainthaler Grat. Kaum vermag der Gedanke es zu ermessen, dass in wenig Stunden das Auge auf solch gewaltig erhobenem Fels noch tief, tief hinunterblicken soll. Aber in seinem Kreise herrscht er; herrscht wie wenige Gipfel des Felsen-Gebirges. Das ist das westlichste Haupt der Höllenthalspitzen, zu innerst in die Wüsten des Höllenthalkares gestellt, von den letzten Zungen des Höllenthalferners berührt. Brunnthalkopf nennen es die Partenkirchener Führer, da es als äusserste, höchste Zinne in jener Reihe steht, deren vorgerückteste, niedrigste Massen in's Brunnthal hereinragen und unter dem Namen der Brunnthalköpfe bekannt sind. In Karten und Panoramen ist dieser Name übergegangen, – nicht mit vollem Rechte; denn erstens schliesst die Reihe der Brunnthalköpfe nicht an ihn, sondern an seinen östlichen Nebengipfel mit dem Hauptgrate sich zusammen, zweitens hat der Gipfel slbst mit dem Brunnthale nicht das Geringste mehr zu schaffen und ürde weit besser vom Weissthale seinen Namen herleiten. Dem einmal in dne allgemeinen Gebrauch übergegangenen Namen Brunnthalkopf die gebührende Anerkennung zollend, glaube ich daher auch dem die Zugehörigkeit dieses Gipfels zur Höllthalspitzen-Gruppe betonenden Synonym Innere Höllenthalspitze einige Berechtigung vindiciren zu dürfen.

Vom Nebengipfel, dem Knotenpunkte gegen die Brunnthalköpfe, senkt der Haupt-Grat sich in langem flachen Sattel und erhebt sich in mehreren Stufen zum zweiten Gipfel der Höllenthalspitzen-Gruppe, der Mittleren Höllenthalspitze; ein unbestimmt geformtes, breitscheiteliges Haupt, daher auch niedriger erscheinend, als der kühn aufstrebende Thurm im Westen; in Wahrheit besteht das umgekehrte Verhältniss. Und wieder folgt eine langgestreckte, fast horizontale Gratlinie; an ihrem östlichen Ende steht ein Pärchen flacher Pyramiden – die Aeussere Höllenthalspitze. Damit hat die Gruppe ihr Ende erreicht. Stärker senkt sich der Grat und schliesst, als Scheitelrand des Vollkars, an den Fuss der Mauer des Hoch-Blassen. In dieser Gegend sind wir bereits bekannt.

Sowohl die Mittlere als die Aeussere Höllenthalspitze entsenden starke Zweigkämme an der südlichen Gebirgsflanke hinab. In jenem der Aeusseren Höllenthalspitze macht eine abgesprengte, isolirte Thurmgestalt vom äusserst schroffem Baue sich bemerkbar; sie hat den Namen "das Kirchel" erhalten und diese Benennung überträgt sich auf das Kar, welches von jenem und dem westwärts nächstfolgenden Ausläufer geschlossen wird – diese Nachbarmulde des Vollkars heisst das Kirchelkar. Das Kar zwischen der Mittleren und Inneren Höllenthalspitze führt den Namen Gamskar [Gemskar] – wohl als pseudonymen, denn seine Grasplätze werden von Schafen beweidet, und in diese niedrige Gesellschaft begibt sich das Alpenwild nicht gerne. – In tiefer Region des Gebirges enden so Kamm wie Kar; sie verlieren sich in das steilgeböschte, durchfurchte Plattengehänge gegen das Rainthal.

"Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?" – so rief seit langen Jahren das schwarze Horn den Hunderten entgegen, die es über's Platt zur Zugspitze, über das Gatterl nach Ehrwald, oder zur Einsamkeit des Rainthales zurückwandern sah. Der Sommer 1871 gab ihm Antwort. Wer einen Wetterschrofen, eine Dreithorspitze nicht gescheut, wer auf den Mauerkanten des Hoch-Blassen, des Ober-Rainthalschrofens gethront, aus der Felsenumklammerung des Ofelespitzes sich losgerissen hat, fürchtet die Hölle selbst nicht mehr, – geschweige denn die Zinne, die ihren Namen trägt.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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