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Home XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal Rückweg; eine bedenkliche Situation. Bruch der Steinnase und Sturz; Empfindung und Wirkung Ein glücklicher Fund
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal

Abstieg über die zweite Wandstufe und in's Berglen-Plattach

Ich hinkte den Terrassenrand entlang und kam wieder an die kleine Runse, die mir den Heraufweg gebahnt hatte. Ebenfalls nahezu senkrecht stürzt die Wand dort hinunter, ihre schmalen Haltepunkte zu fassen gehört die volle frische Muskelkraft, und nun sollte ich, zerschlagen und zitternd wie ich nach dem Sturze war, mit halb lahmen Knie und wunden Händen diese Klettertour bestehen. Ein zweiter Sturz musste, abgesehen davon, dass ich diesesmal viel weniger elastisch und weit ungeschickter fallen würde, mit aller Gewissheit zum Verderben führen; denn unterhalb der Wandstufe begannen die Plattenlagen, an welchen ich wohl keinen Halt mehr gewinnen konnte. Ich machte das gebrochene Eisen nothdürftig wieder fest, in dem ich den langen Riemen unter der Sohle durchzog, und suchte Entlassung aus der gefährlichen Felsenburg. Dreimal liess ich auf den Rand der Terrasse mich nieder und streckte den Fuss hinunter, den ersten Tritt zu fassen – dreimal kehrte ich mich entsetzt wieder ab, stemmte auf die Kante mich zurück – ich kann nicht hinunter! – – Und wieder suchte ich auf der ganzen Schuttterrasse umher nach einem besseren Auswege. Umsonst! Der steile Spalt des Aufstieges ist – wenn nicht der einzig mögliche, doch jedenfalls der relativ beste Weg in's breite Gehänge hinunter; und dieser eine Weg ist mir versperrt. Der Ofelespitz hält seinen Bezwinger, der nun sein Opfer geworden, gefangen. Hoch auf ragen rings die Gebirge, goldener Abendschein erleuchtet ihre Gipfel, die Schatten der Dämmerung ziehen bereits in die Thäler ein. Aus ihrem weiten Schneecirkus winken ernst die Zinnen der Dreithorspitze herunter – ja wohl, jetzt, heute, wird sie, die Gewaltige, von einem Kleineren gerächt! – O jener Tag, der mich auf ihren sagenumwobenen Scheitel führte, Vorurtheil brechend und Hindernisse besiegend, ein kühner, unwiderstehlicher Beherrscher der Gebirge! – Dieser Tag hatte mir auch zum ersten Male den Ofelespitz gezeigt. War's mir doch immer wie eine Ahnung zurückgeblieben, das Bild dieser verwünschten Zangenscheere – wie eine Mahnung durch die ganze Kette meiner Erfolge: "Dort ist das Ende!" . . . . . . .

. . . . . . . Besser ein rascher Sturz, als langsames Verschmachten! – Ich trat zum vierten Male vor die Wand, kauerte wieder nieder und taub gegen die Stimme der Angst, die wieder mich zurücktrieb, liess ich mich hinunter und fasste glücklich den ersten Tritt. Und langsam, behutsam, suchte ich die folgenden. Zum Abstiege über nicht viel mehr als Zimmerhöhe bedurfte ich nahezu einer Viertelstunde. Die Grübchen im Gestein haben während meiner Abwesenheit sich wieder mit Sickerwasser gefüllt; längst schon vom Durste gequält, schlürfe ich mit Heissgier die willkommene Labung, und momentan kümmert mich der letzte Tropfen, der auszusaugen bleibt, mehr, als meine ganze Situation zwischen Himmel und Erde; – die Fabel vom "Manne im Syrerland" in praktischer Illustrirung. – Und wohlbehalten komme ich hinunter auf die Plattengürtel und verfolge längs der Gratkante die Linie meines Anstieges zurück – langsam und lahm. Kein Stock, – schmerzender Fuss, – defektes Eisen – was ist mehr zu verlangen auf schlüpfrigem Felsgetäfel?


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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