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Home XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal Auf dem [Ost-]Gipfel Abstieg über die zweite Wandstufe und in's Berglen-Plattach
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal

Rückweg; eine bedenkliche Situation. Bruch der Steinnase und Sturz; Empfindung und Wirkung

Um 1/2 5 Uhr begann ich den Abstieg. Die Kluft, welche ich forcirt hatte, machte mir etwas Sorge, doch nicht allzuviel; ein Fragezeichen auf meinem Rückwege zu wissen, war mir nichts Neues mehr. Ich dachte zwar daran, in den Einbruch an der Ostseite des Gipfels hinunterzuspringen, ging auch bis an die Kante vor, fand jedoch die Situation etwas zu problematisch und kehrte in meine Kluft zurück. Ohne Schwierigkeit schob ich durch ihre Windung mich hinunter bis vor die kritische Stelle. Dort sah es freilich übel genug aus. Nirgends ein Halt noch Tritt, – was ich Anstiege nicht hatte finden können, was natürlich nicht nachgewachsen, während ich auf dem Gipfel sass. Die Steinmasse, an welche ich mich festgeklammert hatte, erkannte ich wieder; sie lag just vor dem ausgestreckten Fusse. Jenseits der sperrenden Klippe konnte ich nichts mehr sehen. Wie hinauf – so hinab, lautete das Gebot der Nothwendigkeit. Ich kehrte das Gesicht gegen die Wand, stemmte mich wieder gegen die rechtsseitige Mauer und rutschte hinab. Die Füsse hingen bereits in der Luft, als ich endlich den Steinzacken zu fassen bekam und, diesen Halt einmal in den Händen, behutsam mich weiter hinunterliess. Aber ich fand keinen Boden. Den Tritt drüben, von welchem aus ich mich schräg in die Kluft gelegt, konnte ich nicht mehr erreichen, und einen andern ertastete ich nicht. – Schliesslich hing ich mit ausgestrecktem linken Arme am Zacken, die Füsse tappten in der Leere herum. Die Muskelkraft begann nachzulassen, die nächste Viertelsminute musste mir die Nothwendigkeit aufdrängen, freiwillig meinen Halt preiszugeben – der peinliche Entschluss wurde mir erspart. Ein leises Kricken – der Stein reisst aus der Wand, – und dahin geht der Sturz. Zweimal schlage ich auf Stufen der Kluft auf, noch aufrecht, Gesicht gegen die Mauer, das drittemal werde ich gedreht, der Breite nach auf den Trümmergürtel hinuntergeschmettert, überschlage mich dort ein oder zweimal, komme aber wieder auf den Rücken zu liegen, und Hände und Füsse alsbald spreizend, noch rechtzeitig zum Aufhalt. Zwei Schritte weiter – und ein neuer Steilwandsturz hätte mich unfehlbar in's Berglen Plattach hinunterbefördert.

Das Ganze war ein Werk von ein paar Sekunden; gefühlt hatte ich von der ganzen Sache wenig und stimme in dieser Hinsicht vollkommen mit Herrn Whympers Bemerkungen*) überein; ich glaube nicht, dass ein tödtlicher Sturz viel mehr Empfindung hervorrufe. Die Besinnung hatte ich keinen Augenblick verloren, wusste genau, wo ich mich befand, und woran meine letzte, durch ein glückliche Geschick auch realisirte Hoffnung hänge. Die Sturzhöhe schätze ich auf etwa 30 Fuss [10 m].

*) Whymper's, Edward, Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen i. d. Jahren 1860-1869. – Braunschweig 1872.

Da sass ich auf dem Schuttfelde und rieb mir die Stirn. Schon dagewesen, aber lange nicht mehr vorgekommen! – Der Hut hatte merkwürdiger Weise festgehalten und zu allem Glück auch die Brille. Ein Eisen aber hatte in der Gewalt des Sturzes den inneren Vorderzacken und das Ringglied verloren und hing locker am Fusse. Um einen Bergstock, der jedenfalls verloren gegangen wäre, hatte ich mich nicht mehr zu sorgen, der hatte sich früher schon empfohlen. Blutstropfen färbten den Felsboden ringsum mich herum und befleckten meine Kleider, wo nur eine Fingerspitze ihnen nahe kam. Die Hände, welche während des Sturzes nach Halt haschend am Felsen heruntergefahren waren, auf dem Geröll und Geschröf als Bremse hatten dienen müssen, waren in der übelsten Art zerschnitten und aufgeschunden, am rechten Mittelfinger sogar der Nagel aufgeschlitzt. Das wäre noch das Geringste gewesen; ich erhob mich und reckte die Gelenke – es schien Alles noch ziemlich in Ordnung zu sein. Wenige Minuten später aber verspürte ich bereits eine Spannung im rechten Knie, nicht lange dauerte es, so ging ich krumm, und konnte auf diesen einen Fuss nur wenig mehr mich verlassen. Er hatte offenbar die stärksten Prellungen erhalten, an ihm war auch das Eisen zerbrochen. – Und ich brauchte beide Füsse und beide Hände noch nothwendig; die zweite Terrassenstufe befand sich noch unter mir, und das weitere Gehänge der Plattacher Wand war, wenngleich nicht allzu schwierig, doch gerade nicht für einen Lahmen geeignet.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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