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Home XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal Der Osten des Wetterstein-Gebirges Ausblick durch das Leutaschtal
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVII. Der Ofelespitz im Berglenthal

Die Leutasch-Klamm

Der Saumpfad führt von Mittenwald am Gehänge des Burgbergs hinan, dem Rande der Leutschklamm zu. Es ist die einzige direkte Verbindungsstrasse – wenn der mit schmalen Alpkarren mühsam fahrbare Weg so genannt werden darf – von Mittenwald nach den volkreichen Orten der Leutasch. Blau-weisse und schwarz-gelbe Grenzpfähle und Weiser nach den beiderseitigen Zollämtern sind so ziemlich die einzigen Dinge, welche an einen höheren Rang dieses holperigen, steilen Weges erinnern. Ist die waldige Höhe der Bergterrassen erstiegen, der Rückblick auf die Zacken des Karwendel, auf die Dolomitspitzen der Erlspitz-Kreuzjochgruppe, die Felsenhäupter des Solstein entschwunden, so überrascht den Wanderer bald ein Handweiser mit der Aufschrift "Gefährlicher Weg". Nur dem unverbesserlichen Schwindelmenschen sei er ein rechtzeitiger Warner; jedem Anderen gegentheils der Führer nach der schönsten, genussreichsten Strecke der Leutaschwanderung. Bald zieht an steilen Schuttgehängen, um schrofige Riffe sich schlingend, über Felsenecken, von den Wurzeln der Tannen umklammert, dahin ein schmaler, aber gut angelegter, durchaus gefahrloser Pfad. Tief unten braust in dunklem Spalte die Leutasch. Ein einzelner Punkt am Wege, wo dieser am weitesten an die Kante der Wand hinaustritt, eröffnet dem Auge eine lange Strecke der fast geradlinigen Klamm; in leichten Biegungen sieht man das hellgrünlichblaue Bergwasser zwischen den schwarzen Wänden hindurch seinen Thallauf verfolgen und vermag sich der Ueberzeugung kaum zu verschliessen, dass man es hier nicht so fast mit einem vom Wasser ausgenagten, erzwungenen Ausbruchsthore, als vielmehr mit einer fertig gebildet vorgefundenen, von ihm zum Laufe nur benützten Thalspalte zu thun habe.

Die Herrlichkeiten des Weges sind nun bald zu Ende, man mag das Unglückszeichen sich noch betrachten an der Stelle, wo ein Unvorsichtiger, von heftigem Schwindel plötzlich befallen, in die Schlucht hinunterstürzte. Dann windet der Pfad sich durch Tannengebüsch und überbrückt die Leutasch, welche, eben noch in unergründlicher Tiefe gesehen, plötzlich nahe der Oberfläche der Thalterrasse sich zeigt. In einem schwarzen Kessel dröhnt die schäumende Wasserwucht und eilt in sprühenden Sätzen hinunter zum düstern Grunde. Hier nagt und sägt das Wasser, hier arbeitet es, seinen Klammlauf zu verlängern und in späteren Jahrtausenden vielleicht das Leutaschthal, anderen Gebirgsthälern gleich, in zwei schmale, an den beiderseitigen Bergflanken hängende Raine zu trennen. Zur Rechten erscheint der Wetterstein, zunächst sein Vorläufer, der niedrige Horizontalrücken des sogenannten Grünkopfs, über welchen, an der Weissen Wand, der Franzosensteig zum Ferchensee hinüberführt. Die Kriegsgeschichte des ersten Decenniums unseres Jahrhunderts hat hier ihre Monumente, in den zerfallenen Schanzen der Scharnitz, in den Wällen, dem alten Mauerbollwerke des Leutaschthals. Jetzt dient es friedlicheren Zwecken, wenngleich auch diese noch an alte Zeit erinnern, allerdings nur in verwischten Zügen. Unter dem dunklen, hallenden Thorbogen sieht der Wanderer sich einem gemüthlichen, pfeifenschmauchenden österreichischen Grenzwächter gegenüber, der ihm den Bescheid "Nichts Zollbares" gerne auf sein ehrliches Gesicht hin glaubt. Jenseits der Leutasch-Schanze erst öffnet sich völlig das Thal.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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