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Home XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner Das Hochplateau des Platts; seine Verwandten in der Umgebung des Wetterstein-Gebirges Erster Angriff an den Wetterschrofen [1871]
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner

Die Gipfelumrandung des Platts

Die Gipfelumrandung des Platts und des Plattacher Ferners ist dem Zugspitzwanderer bekannt genug: Im Norden ist es die Zugspitze selbst, ihre Grat-Fortsetzung bis zur äussersten westlichen Ecke des Felsenkammes einer-, längs des Weissthals zum Brunnthalkopf andererseits. Im geraden Westen, über der Mitte des Ferners, thront der Schneefernerkopf; zwischen ihm und dem Ende des Zugspitz-Grates lässt der Rand ein breites, vom Firne erreichtes Schartenthor offen. Vom Schneefernerkopf gegen Süden setzt ein niedriger Zackengrat sich fort zum Wetterwandeck*). Von diesem Eckpunkte senkt der Kamm rasch sich ab zu enger, ebenfalls von Schneefeldern berührter Einschartung und steigt wieder empor zur zahnigen, dreigipfligen Mauer der Wetterschrofen. An diese reihen sich die viel niedrigeren Gatterlköpfe, über deren äusserste, östliche Schulter der Steig nach Ehrwald hinüberführt; der Felsgrat selbst sinkt noch bedeutend tiefer ab zur Gatterlscharte, durch welche der Trauchletbach seinen Abfluss nimmt und steigt wieder empor zum Vorgipfel des Hoch-Wanner.

*) Der Name wurde mangels einer passenden Bezeichnung von mir gegeben. Die durch ihre genauen Daten ausgezeichnete bayerisch-tirolische Grenzbeschreibungskarte verzeichnet an dieser Stelle einen südöstlichen und einen nordwestlichen Wetterspitz mit beziehungsweise 8290' 2693 m. und 8407' 2731 m. Höhe; letztere Messung möchte auf den hohen Felshöcker im Verbindungsgrate nach dem Schneefernerkopf passen, erstere ist für das Wetterwandeck zu gering, da dieses sich höher erweist, als die Wetterschrofen (8306' 2698 m.). Gänzlich unverständlich wird die Darstellung der Grenzbeschreibungskarte im Vertikalprofile, denn hier erscheint der "Südöstliche Wetterspitz" als isolirte Spitze, wie eine solche jenseits der Scharte am Westfusse der Wtterschrofen im Rand-Grate thatsächlich nicht existirt. Weit besser passt auf das Wetterwandeck eine Messung Sendtner's unter dem Namen "Wetterspitz, südöstlicher" 8320' 2703 m. Der nordwestliche Wetterspitz erreicht nach dieser Quelle die Höhe von 8437' 2741 m.

Wir sind der bayerisch-tirolischen Landesgrenze und sind der Grenze der geologischen Formationen – des Wettersteinkalkes gegen jurassische und untercretacische Glieder – nachgegangen. Den Hauptgrat, den wasserscheidenden Kamm, haben wir verlassen. Dieser biegt, kurz oberhalb des Gatterl-Ueberganges, sich ablösend, stark gegen Süden aus, erhebt sich in mildigen, weichen Bergformen gelben Mergelschiefers, von tiefrothen Kalkbänken durchstrichen, im Wandach bis über 7000' 2275 m. Höhe und schliesst am Vorgipfel des Hoch-Wanner wieder an die Massen des Wettersteinkalkes sich an. Sein Rücken ist der zweite*), welchen der Tourist, der aus dem Rainthale [Reintal] nach Lermos [Lermoos] wandert, überschreitet, und er ist merklich höher als der Uebergang "Am Gatterl". Und eine dritte, noch bedeutendere Grathöhe wartet seiner jenseits dieser Schranke; doch ist diess bereits eine Abzweigung, und kurze Arme von ihr und vom Hauptgrate ausstrahlend umfassen eine hochgelegene Weidemulde, ähnlich dem Trauchlet und schnüren sie rasch zur felsigen Schlucht zusammen; sie mündet geradlinig hinunter in's obere Gaisthal. Erst nachdem dieser dritte Rücken erstiegen, dessen äusserster Kopf prachtvoll ausgeprägte senkrechte Schichtung (Dachsteinkalk) zeigt, breiten vor dem Wanderer die steinigen Wiesenhänge des Hochisenthales sich aus, zur Pestkapelle hinab. Ueber ihm, zur Rechten, streben die Mauern der Gatterlköpfe, der Wetterschrofen empor und bald tritt im Nordwesten als röthlich-gelber Riesenbau die Wetterwand wieder in Sicht.

*) Es wird auf diese eigenthümliche Complication der Gebirgsstruktur von den Touristen, die über das Gatterl gehen, gewöhnlich zu wenig gemerkt. Sie ärgern sich, nach Ersteigung der ersten Grathöhe noch eine zweite und dann gar noch eine dritte übersteigen zu müssen, das ist Alles. Ich glaubte daher diesen Punkt etwas ausführlicher erörtern zu sollen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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