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Home XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner Gruppen-Zusammengehörigkeit in der Umgebung des Wetterstein-Gebirges Die Gipfelumrandung des Platts
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner

Das Hochplateau des Platts; seine Verwandten in der Umgebung des Wetterstein-Gebirges

Die Oberfläche jenes Hochplateaus im Westenede des Wetterstein-Gebirges, in der Sprache der Einheimischen kurzweg das Platt oder Plattach genannt, ist gleichfalls den Alpenwanderer bekannt genug; sie bietet die eigenthümliche Formation regelloser Hügelwellen, je nach der Höhenzone mit Legföhren überkleidet, – mit kurzem Rasen, mit vereinzelten Grasschöpfen bewachsen, endlich kahle Platten mit ausgewaschenen Klüften und Runsen, und wo die höchste, in den Kalkalpen freilich seltene Zone erreicht wird, deckt sie der Firnmantel, dessen breite Zungen formlos auf den flachen Felsenhügeln verlaufen. Ihre eigentliche Heimath hat diese Gebirgsformation in den Ostalpen, wo sie unter dem typischen Namen Steinernes Meer oder Todtes Gebirge [Totes Gebirge] bekannt ist; die Bergmassive des Dachstein, des Tennen-Gebirges, die ausgedehnten Hochplateaus der Berchtesgadener Alpen, Haagen-Gebirge, Röth und Steinernes Meer, die isolirten Stöcke der Reitalm, des Latten-Gebirges und des Untersbergs bringen sie zur vollendetsten Gestaltung, zur ausgeprägtesten Anschauung. In den scharfgegliederten Kettengruppen der Nordtiroler Hochalpen, im Karwendel-Gebirge zumal, fehlt fast jeder Raum zu ihrer Entwickelung; nur die flachen Mulden einiger Hochkare weisen zuweilen schwache Spuren davon aus. Fast ebenso arm ist das Algäuer Gebirge an diesen welligen Hochplateaus; man kennt sie dort unter dem Namen Koblad [Koblat]. Ein einiges befindet sich, dessen Ausdehnung mit den breiten Bergscheiteln der Ostalpen nin die Schranken zu treten vermöchte; es ist das Hochplateau über den Gottesackerwänden, in der Umgebung des Hohen Ifen. Das Wetterstein-Gebirge theilt im Allgemeinen die Verhältnisse seiner Nachbargruppe, des Karwendel; seine Kammfirste, schärfer noch als dort, gestatten häufig kaum dem Fusse, geschweige denn einer welligen Hügelbildung Raum. Aber seine Thäler zeigen eine eigenthümliche Neigung, in ihrem Hintergrunde zu Becken sich erweitern und diesen Hintergrund durch einen plötzlichen, schroffen Aufbau, hoch über der Sohle, in eine Region hinauf zu erheben, welche die Bildung des typischen Plattert, ja sogar die Gletscherbildung begünstigt. Nicht weniger als dreimal greift in der kleinen Wetterstein-Gruppe die gleiche Formation Platz, in vielen Punkten so gleichförmig, daass man die bezüglichen Lokalitäten auf den ersten Anblick mit einander verwechseln könnte. Es sind dies das Höllenthalkar mit dem Höllenthalferner, das Dreithorspitzplatt, dessen Hintergrund ebenfalls nur äusserst selten schneefrei wird, – und das Platt mit dem Plattacher Ferner.

Wie auf jedem solchen Steinernen Meere, so ist auch auf dem Platt die Vertheilung der Hügel und flachen Terrainwellen eine völlig regellose, höchstens liesse sich eine schwach ausgeprägte Anordnung derselben in Reihen, die nach der Tiefe convergiren, unterscheiden. Von den Einfurchungen, welche in gleichem Sinne das Platt durchziehen, ist die bedeutendste und längste das Brunnthal, doch keineswegs bedeutend genug, um als ein Anfang und Ursprung des Rainthales [Reintals] gelten zu können, zudem es im Steilabfalle gegen den Hintergrund des letzteren fast völlig verschwindet. Auch der Wasserbeitrag, welchen diese Thalung der Partnach spendet, ist ein verschwindender, meist überhaupt Null. Ein einziger bedeutenderer Zufluss ist es, welchen die Partnach überirdisch aus der Höhe der Gebirge erhält: der Giessbach des Gatterl, welcher in der grünen Mulde des Trauchlet, am Fusse des Wandach seine Gewässer sammelt, und über die Gatterlscharte auf den Hintern Anger sich herabstürzt.

Die höchsten Regionen des Platts deckt ewiger Schnee, Firn und Eis. Durch keine Thalung in seinem Laufe bestimmt, breitet dieser Gletscher sich frie über die Hügelfläche hinab, und endet mit langem, geradlinigen Rande an jener Zone, wo Schneefall und Sommerwärme eben das Gleichgewicht sich halten. Natürlich wechselt diese Zone mit jedem Jahre, bleibt sich im Mittel indess doch so weit gleich, dass die Grenze des eigentlichen Gletschers durch eine deutliche Moräne gekennzeichnet wird, ein mässig hoher Wall feinzerriebenen, weissgelblichen Kalkschuttes. Wie seine Umrandung, so hat auch der Gletscher selbst und sein Grenzsaum eine nahezu hufeisenförmige Gestalt. Die breite Masse des Schneefernerkopfes theilt seine oberen Regionen in zwei grosse Firnbecken, deren nördliches längs des Fusses der Zugspitze eine ziemlich weite, plateauartige Erstreckung besitzt und bei deren Ersteigung überschritten wird. Wo die beiden breiten Firnströme zusammenstossen, werfen sie zwischen sich eine kleine Mittelmoräne auf, die ebenfalls durch niedrige Hügel zerriebenen Kalkschotters mitten in den Schneefeldern sich kundgibt. Es fehlt dem Plattacher Ferner demnach nicht an Merkmalen eines wahren Gletschers; nur Klüfte im wahren Sinne des Wortes habe ich in ihm niemals wahrgenommen. Man sagt zwar, dass der schneefreie Gletscher solche von beträchtlicher Tiefe aufweise; es sind aber, wie ich Anfangs August 1873 mich überzeugen konnte, lediglich vom oberflächlich abrinnenden Wasser eingesägte Runsen, deren Entstehung und Wachsthum von der fingerbreiten Furche bis zur tiefen Kluft an hunderten von Beispielen verfolgt werden konnte. Sie liefen denn auch alle im Sinne der Senkung des Gletschers, vom Fusse der Zugspitze nach dem Platt hinunter; keine einzige quer. Auch vom Zugspitz-Gipfel aus konnte ich, so weit ich den Plattacher Ferner übersah, nicht die Spur einer queren Gletscherspalte bemerken. Manche jener Längsfurchen dagegen besassen damals schon eine Tiefe von etwa 20-25' [6-8 m] und bis zu 2' [60 cm] Breite. Sie mögen in diesem Jahre noch ansehnlich gewachsen, einzelne unter ihnen vielleicht unüberschreitbar geworden sein.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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