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Home XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner Erster Angriff an den Wetterschrofen [1871] Im Nebel über das Platt
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner

Im Wettergewölke auf dem Grat; notgedrungene Umkehr

Ich hatte die Hoffnung gehegt, die Südseite des Grates gangbar zu finden; mit dem Augenblicke, da ich den Fuss in die Scharte setzte, war diese Hoffnung entschwunden. Senkrecht stürzten die Wände hinunter zur Pestkapelle und thurmsteil treten die Randzinnen des Platts in sie hinaus, von schwarzen Schachten auseinander gespalten. Jenseits der aufgähnenden Tiefe ersah ich die Gipfel des Mieminger Gebirges, die weiten Thalbecken am Fusses des Sonnenspitzes und des Grünstein, mit ihren herrlich blauen Himmelsaugen. Ueber den Felsenhäuptern aber ballten sich die Wolken unerträglich heiss war schon zu früher Vormittagsstunde die Luft, über den Schneefernerkopf flogen düstere Wolken herein in's Platt. Eile that Noth, wollte ich den Wetterschrofen noch gewinnen. Ihm zu nahen, blieb keine Wahl, als steilen Firnflecke längs der Nordseite des Grates der Plattspitze, in höherer Zone dieser Mauerscheitel selbst.

Das Gepäck wurde abgelegt, ich schnallte die Eisen an und begann in sanftgehobener Schrägelinie den Anstieg, welcher, indem er von der Scharte mich entfernte, bald wieder tief unter mir den schneeerfüllten Thalboden sich zeigte, den ich vorher durchwandert. Bald rauchten alle Klüfte und Schluchten der Wände und durch's Schartenthor herein rollten die schwarzen Nebel über die Firn- und Felsflächen. Auf einem niedrigen Zacken der Gratkante, nicht weit von der Scharte entfernt, gewahrte ich eine Signalstange; sie war vermuthlich dem Wetterschrofen bestimmt, hat aber ihr Ziel nicht erreicht. Es war das Letzte, das ich sah. Dann dunkelte es, die Wolken verschmolzen mit dem Schnee, die Schrofen verschwanden in ihrer Hülle. Steiler und immer steiler ging's bergan, jeder Tritt musste sorgsam ausgestossen werden; wo Fels durch die Firndecke brach, da war er gesäumt mit hartem Eis und seine plattige Fläche gewährte den Zacken der Fusssohle kaum den nöthigsten Halt. Ich glaubte weit genug in die Quere vorgedrungen zu sein und wandte mich immer entschiedener zum Anstiege. Eine Schneerunse, in's Wolkendüstere sich verlierend, wies mir den Weg zum Grat. Abschreckend brachen seine Thurmgestalten eine um die andere aus dem Dunkel hervor, ruinenartige Zinnen, so körperschwach, dass noch unterhalb ihres Scheitels runde Löcher ihrer Masse durchbrechen; auf der Einschartung, in welcher die Schneekluft ihr Ende erreichte, stand ich wieder vor den Steilwänden, die im Gewölk zu schwimmen schienen.

Noch gab ich mich nicht geschlagen und begann die zahnige Schneide entlang zu klettern; einige Höcker auf-, abwärts, luftig zwischen den Wänden, umraucht von Nebel; zuletzt sass ich rittlings auf bretterdünner Felsschärfe, noch ein paar Schritte, richtiger gesagt, Rutschungen, und aller Weiterweg war versperrt. Der Wetterschrofen hatte den Angriff abgewiesen, ich hatte nur zu sorgen, aus seinem Bereiche mich wieder zu salviren; der Abstieg über das plattige, schlüpfrige Gezack und Gehänge war natürlich schwierig und heikel genug, und lange währte es, bis ich ununterbrochene, weisse Fläche vor mir in die Wolken hinunter sinken sah. Ich setzte den Bergstock ein und fuhr durch's Dunkel hinab; bremste, als ich das Niveau der Scharte erreicht zu haben dachte und wandte mich in die Quere, den Bergsack wieder zu holen. Der lag noch friedlich an seiner Stelle und wieder ging die Schneefahrt hinunter in's Thälchen.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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