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Home XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner Die Gipfelumrandung des Platts Im Wettergewölke auf dem Grat; notgedrungene Umkehr
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIV. Ein Tag auf dem Plattacher Ferner

Erster Angriff an den Wetterschrofen [1871]

Meine Excursionen im Wetterstein-Gebirge eröffnete ich in echt touristischer Manier; der erste Tag (22. Juli [1871]) fand mich auf der Alpspitze, der zweite auf der Zugspitze. Den üblichen Weg durch den "Kamin" verfehlend, fand ich diese Tour nicht ganz so leicht, als sie zu schildern alpine Mode geworden ist. Und bei späterem Besuche auf dem richtigen Wege überzeugte ich mich, dass auch dieser, wenngleich unschwierig im Sinne des routinirten Bergsteigers, doch von jenen, die ausser der Zugspitze weiter Nichts in unsern Nördlichen Kalkalpen besuchen, nicht mit solcher Emphase als "Spaziergang" bezeichnet zu werden brauchte, wie man diess wohl gelegentlich zu hören bekommt.

Der dritte Tag sollte auf die Randgipfel des Plattacher Ferners verwendet und mit den Wetterschrofen an seinem südlichen Saume der Anfang gemacht werden. Wer kennt ihn nicht, den prächtigen, eisenblanken Kegel, der im träumerischen Blau der unteren Partnach-Gumpe sich spiegelt, dem unvergleichlichen Bilde seinen höchsten, ernstesten Reiz verleiht? Wer, der das Platt und seinen Ferner betrat, hätte nicht ehrfurchtsvoll hinübergeblickt nach den Gipfel in seinem Südrande, mit ihren abgeschliffenen, mehrere Morgen grossen Plattentafeln; auf den Gipfel der Wetterschrofen, der mächtig sie beherrscht, an Höhe wie an Reine seines Plattenpanzers ihnen allen es zuvor thut? – Wer hätte nicht verwundert hinter diesem Kegel, der isolirt, wie aus dem Boden herausgewachsen zu sein scheint, eine schwarzzahnige Mauer sich fort erstrecken, zu einem neuen Gipfel sich erheben sehen, an dessen rippige Flanken die letzten Schnee- und Eiszungen hinauflecken? Das ist der Wetterschrofen, der Wächter des Gaisthales; die Gatterlköpfe leiten seinen Kamm von Osten her ein, sie sind es, deren Tafelstöcke auf die Trümmermulde des südlichen Platts herunterbrechen. Von Süden, aus dem Hoch-Isenthale, sind sie auf stufigem Geschröf und steinigem Rasen leicht zu ersteigen. Nicht so der Gipfelstock des Wetterschrofen selbst; er fusst mit Steilwand auf den Geröllhalden hoch über dem Joch der Pestkapelle. Von dorther ist ihm nicht zu nahen. Sein östliches Haupt, die Reihe der Gatterlköpfe schliessend und beherrschend, wird mit dem Namen Gatterlspitz bezeichnet; sein westliches als Plattspitze*). Zwischen beiden steht auf dem Grat ein doppelköpfiger, abgehackter, schwarzer Höcker.

*) Es sind diese Benennungen übrigens nicht völlig sicher. Der Name Plattspitze wird wohl auch auf den östlichen Gipfel bezogen, auf welchen er allerdings nicht gut passt. Der Name Gatterlspitz wäre in letzterem Falle gegenstandslos.

Dem Wetterschrofen lenkten meine Schritte sich entgegen, als ich in den Morgenstunden des 24. Juli [1871] die Knorrhütte auf dem Platt verliess. Ein arger Sonnenbrand, mit dem der Ferner am Tage vorher mich bedacht (ich war vom Rainthaler Hof ausgegangen, hatte erst gegen 10 Uhr die Knorrhütte, um 1/2 2 Uhr Mittags die Zugspitze erreicht), hatte eine fieberheisse, schlaflose Nacht, einen matten Morgen in seinem Gefolge. Die gedehnten Hügelterrassen des Platts hinan wanderte ich langsam meinem Ziele zu, ärgerten mich die lästigen Schafe, deren über tausend auf dem Platt weiden. Auf gewöhnlichem Wege nach der Zugspitze hat der Tourist wenig von ihnen zu befahren, da sie in's vegetationslose Weissthal nicht leicht hinüberkommen; um so schneller sieht er sich von ihnen umringt, sobald er auf die grasbewachsenen Hügel in der Mitte des Platts einlenkt. Und dieses eben war mein Weg; ich steuerte geradlinig nach der Scharte am westlichen Fusse der Wetterschrofen zu; überschritt daher kurz oberhalb der Knorrhütte das Brunnthal.

Nach einer Stunde befand ich mich jenseits der Vegetationsgrenze, in breiten Plattenlagen deckte kahles, welliges Gestein weithin den Boden. Die Zerklüftung und Auswaschung ist hier, in diesem südwestlichen Winkel stärker als in irgend einer anderen Gegend des Platts; auch tritt man nicht selten auf fliessendes Wasser, meist an den steileren Plattenhängen, während im flachen Boden es spurlos wieder versiegt. Der Ferner selbst blieb mir zur Rechten; ich bekam von ihm auf diesem Wege nur wenig zu sehen; um so häufiger und ausgedehnter erwiesen sich die Schneeausfüllungen einzelner Mulden und auf ihren weissen Mantel brannte die Frühsonne wieder mit einer Gewalt, dass ich Kopf und Gesicht mit dem Taschentuch verhing, um das Uebel, von dem ich bereits befallen war, nicht noch zu verstärken. Der Wetterschrofen, der Gatterlspitz, auf den vor Allem es abgesehen war, stand mir nahe zur Linken; die Schutt- und Schneefelder, welche in den tief eingebuchteten Winkel seiner Nordflanke hineinziehen, öffneten allmählig sich dem Blicke, und, wie ich gestern bereits von der Zugspitze beurtheilen konnte, gaben die Plattwände, die ihrem Höhensaume entstiegen, keine Hoffnung, auf geradem Wege zum Ziele zu gelangen. Dagegen schien der westliche Gipfel, die Plattspitze, ersteigbar zu sein; wie es auf dem Grate aussehen mochte, das freilich blieb im höchsten Grade zweifelhaft. Den Wetterschrofen, die Schutthalden seines Fusses links, – die zertheilten Massen gerundeter Hügeldämme, welche vom Wetterwandeck ausstrahlen und der südwestlichen Mulde des Plattacher Ferners zur Abgrenzung dienen, rechts, trat ich, eine niedrige Terrainwelle übersteigend, in ein abgeschlossenes, ziemlich breites und langgestrecktes Thälchen ein; es endet im Südwesten an der Scharte zwischen Wetterschrofen und Wetterwandeck; sein Hintergrund, etwas erweitert, kleidet mit blendend weissen Firngehängen sich aus, in welche von Nordwest die grauen, plattigen Hügelabsätze des Wetterwandeck, von Südosten die dunkleren Schrofenrippen der Plattspitze sich herabsenken. Ich durchwanderte der Länge nach den einsamen Grund und stand, 3 Stunden nach Aufbruch von der Knorrhütte in der Scharte, am Rand des Plattacher Ferners.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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