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Home Aus dem Mittelalter; der Name "Karwendel" Flurnamen und Wirtschaftsweise (Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Bergbau)
 Was Karwendelnamen erzählen

Name und Ort Scharnitz

Wenn heute der Name Karwendel von einem einzigen Tal, dem Karwendeltal bei Scharnitz, auf die gesamte Gebirgsgruppe übertragen ist, so hat er hier im westlichen Teil das Erbe eines anderen Namens angetreten, mit dem es gerade umgekehrt ging. Der alte Name Scharnitz für die Gegend der Paßtalung und der dort ausmündenden Gebirgstäler ist auf den Namen des Grenzörtchens eingeschränkt, das genau in der Mitte der einstigen silva Scarince liegt, jenes breiten Waldgürtels, der in ältester Zeit den Grenzsaum bildete zwischen dem Siedlungsraum außer und inner der Alpen, dem bayrischen Huosigau und dem Inntalgau, einer Ödlandschaft, die erst herrenlos und dann Königsgut war, "saltus regalis" = "Reichswald", mit Schwarzwald, Thüringer- und Böhmerwald zugleich genannt wird. Die uralte Klostergründung Scharnitz (763) lag nicht in seiner Mitte, sondern an seinem Nordrande, wo außer verschiedenen Flurnamen und Bodenfunden der Name Klais, ma. kchloas, 1324 "in der chlos", an eine Klause, vielleicht die letzten Rest des schon 780 wegverlegten Gebirgsklösterleins erinnert. So menschenleer war die Wildnis des Schwarnitzwaldes, daß noch nach 1300 in dem weitem Raum zwischen Partenkirchen-Mittenwald und Axams (auf dem Innsbrucker Mittelgebirge) von keinem kirchlichen Mittelpunkt der Siedlung die Rede ist.

In dem Maße, wie sich dann von den Rändern die Siedlung vortastet, 1080 "in media silva" = Mittenwald aufscheint, am Südrand der Paßhochfläche Leithen und Reith (= Reut, Rodung) durch Waldschenkungen an die Rodeklöster Benediktbeuren und Wessobrunn entstehen (12. Jahrhundert), wird der Name Scharnitz zurückgedrängt, schließlich bis auf den einzigen geschlossenen Waldrest beim Austritt der Isar aus dem Hochgebirge, und endgültig blieb er dort haften, als hier "bei der oberen Bruggen", wo die Paßstraße zum letzten Mal (von Norden her) die Isar überschreitet, die jüngste Ortschaft des Gebietes – nicht lange vor 1475 – entstand. Bis zu dieser Zeit ungefähr war das weite Waldland bis zu den "Grenzsteinen auf dem Seefeld" – der Partenkirchen-Mittenwalder Pfarrgrenze, der freisingischen Grafschafts- und Bistumsgrenze – unbestrittener Nutzungsraum der Mittenwalder Gebirgsnachbar gewesen, wenn auch die Unwirtlichkeit des Gebietes zu keinem dauernden Verweilen gelockt hatte. Es ist bezeichnend für die Naturfeindlichkeit dieser Kalkalpenlandschaft, daß südlich von Scharnitz nicht ein einziger Name romanischen oder auch nur altertümlichen deutschen Gepräges an eine Besitzergreifung in ältester Zeit erinnert.3)

3) Die beiden Ortsteile von Scharnitz, Inrain und Eissack (nicht Eisack) tragen keine Namen von alter, vordeutscher Herkunft. Die erstgenannte Häusergruppe wird noch um 1700, 1800 abwechselnd am Rain, im Rain genannt; Eissack entpuppt sich als Vergleich einer abgeschlossenen Talform mit einem Sack, der öfters vorkommt und hier passend für eine Uferkonkave [Einbuchtung] der Isar gebraucht wird, in der sich wintersüber das Treibeis sammelt und zum Schaden der Fluren ringsum lange liegen bleibt. Der Name Isertal für ein Seitental des Gleirschbaches scheint mit einer früheren Annahme des Isarursprunges für Gleirschtal zusammenzuhängen.

Das einst ungeschmälerte Nutzungsrecht der nördlichen Gebirgsanwohner im Scharnitzwald, der zu Zeiten schwacher Reichsgewalt immer mehr wie herrenlos behandelt wurde, ward dagegen nachdrücklich angefochten, als sich eine tirolische Landeshoheit herausbildete und ihre Rechte auf den ganzen ehemaligen Reichswald geltend machte, wie aus den Berichten über die zahlreichen Zusammenstöße der freisingischen Untertanen von Mittenwald mit den tirolischen "Forstknechten" in der "Hindern Au", "Am Zwisel" (Zwisel heute Gleirschtal), im Haupttal um Scharnitz, "In der Fluderaw" (vgl. Hochfluder der Karte, Fluder = Sumpf!) und selbst nahe bei Mittenwald, "In der werd" (Wörd = Land am Wasser) hervorgeht. In mehrhundertjährigen Streitigkeiten bildete sich zwischen Freising-Werdenfels und Tirol aus den gegenseitig übergreifenden Gebietsansprüchen ein Gleichgewichtszustand um Scharnitz – mit den Einsprengsel Karwendeltal – heraus. Im Innern des Karwendels erinnern aber noch gar manche Namen an die merkwürdige Tatsache, daß der Siedlungsspielraum der nördlichen Nachbarn einst bis ins Herz des Gebirges reichte und sich mit dem Gebiet der Almleute aus dem Inntal berührte. Die Namen Heißenkopf und Karnberg im Hinterautal, Schnabelegg, Prantnerbichl, Lippenmahd, westlich von Scharnitz, leiten sich von altbezeugten Mittenwalder Bürgernamen Heiß, Karner, Schnabel, Prantner und Lipp her.4) Am äußeren Gleirschtal grenzte Mittenwalder Besitz anscheinend unmittelbar an Wald und Weide der Arzeler, denn die Namen Hupferklamml und Krapfenschlag weisen dort auf die Mittenwalder Familien Hupfer und Krapf, nahe daneben der Name Hafeleloch auf den Arzeler Hofnamen Hafele (Personenname Hevelîn), der auch zu dem viel bekannteren Hafelekar über Innsbruck, 1756 noch "Haveleschor", Pate gestanden ist. Auch die Zirler Almsiedlung hatte offenbar über das Großkristental hinausgegriffen, über den Sattel der Zirmalm hinweg in den benachbarten Talgrund. Denn wie sollte man sich dessen seltsamen Namen Weingertal = Weingarttal (1500 Weinrebtal) erklären, für ein verkarstetes, magere Weide bietendes Hochtal, wenn es nicht ein Zubehör zu dem im Zirl am sonnigen Bergfuß liegenden Hof Weingarten war, wo tatsächlich einst das edle Traubengewächs gezogen wurde?

4) Die Sippennamen Heiß, Lipp, Neuner, Nairz u.a. kommen auch früh in Hötting vor, wie überhaupt in der Richtung Mittenwald-Zirl-Hötting ein ziemlich reger Austausch der Sippennamen und damit der Bevölkerung festzustellen ist. (Bemerkung von Prof. O. Stolz.)

Zwischen diese ursprünglichen Almanrainer schiebt sich dann – in den Namen erkennbar – später auch die Bevölkerung von Scharnitz selbst ein, das aus Behausungen von landesfürstlichen Waldhütern, Jägern und Grenzsoldaten zum Dörflein erwuchs. Namentlich die Befestigungswerke, deren Ausbau im 17. Jahrhundert nach damaliger französischer Befestigungskunst noch in manchen Namen – Porta Claudia, Rewelín (frz. ravelin = Graben) – fortlebt, erforderten einen festen Bestand von "Kordonisten", ansäßigen Leuten als Besatzung, die zugleich als Besitzer von Waldanteilen in den damaligen Forstbeschreibungen auftreten. Solche Scharnitzer Familien Gaugg (ahd. Raggo), Zischg (Abkürzung für Franziskus) sind in "Gauggenkopf", "Raggenkopf", "Raggenklamm" und "Zischgenkopf" erhalten (vgl. auch Zischgelesspitz, Zischgenferner im Sellrain, nach einem dortigen Hof "Zischg").


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Letzte Aktualisierung am 31. Dezember 2016

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