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 Was Karwendelnamen erzählen

Namenswiederholungen

Noch viel mehr machen sich andere Flurnamen dem Bergwanderer im Karwendel durch ihr wiederholtes Auftauchen an verschiedenen, entfernten Orten bemerkbar. In allen diesen Namenswiederholungen spiegelt sich die Gleichartigkeit des Volkstums ums Westkarwendel herum, sowohl wenn es die gleichen Lautformen hervorbrachte, wie wenn es aus seinem Wortschatz immer wieder die gleichen Bezeichnungen für ähnliche Begriffe schöpft. Aus altem Rätererbe ist in die Mundart offenbar das Wort Pleis für einen steilen Grashang – bis zum Engadin bekannt – aufgenommen worden (Pleisenspitz, Stickle, d.i. steile Pleis); gleicher Verbreitung und Herkunft ist "Taje", auch "Toja" für Hütte (rom. attgia), vgl. Satteltaje, Kühtai, Langesthei auswärts. Eine enger begrenzte Mundarteigenheit um Loisach, Isar und Oberinn scheinen dagegen die Flurnamen darzustellen, die einen Sammelbegriff geben, wie Stickelt, Ort wo es steil ist, Zimpfl = Platz mit kleinen Sümpfen. Sümpfln, die man ähnlich wie hochdeutsch Röhricht, Dickicht oder mundartlich "Larchet", "Aichat", d.i. Lärchen-, Eichenwald, gebildet hat. Sogar Namen wie Gaistal, Trauchtal bei Trauchgau, Seestadel bei Scharnitz (1400 Seestal), werden als Goaslt (1747 Gaislet), Trauchlet, Seastlt ihnen angeglichen. Besonders beliebt scheint die Flurbezeichnung Bürzl in der bodenständigen Sprache gewesen zu sein, da sie – neben "Stich" = Steilstück (zu "stickel", steil) – regelmäßig dort auftritt, wo ein Weg eine kurze Versteilung zu überwinden hat. Niemals benennt sie irgendeine selbständige Erhebung, einen Hügel, daher darf man nicht an einen Vergleich mit hd. "Bürzel", mhd. borz, "rundlich Hervorstehendes", denken, so wenig sonst derbe Bilder den volkstümlichen Namensgebern fremd sind. Hier soll aber bloß in etwas übertreibender Weise ein Wegstück hervorgehoben werden, auf dem man sich wegen seiner Steile fast überschlägt (= altbayrisch burzen, neben unserem "purzeln"). Man denkt bei dieser drastischen Benennung an die Namen Falle, die Gfaller (Gfallschneid, Gfallenspitze), die zumal in den Zillertalern geradezu einförmig immer dann auftreten, wo eine Versteilung (Trogrand) den gleichmäßig geböschten Hang durchbricht, oder an die Roßfalle (bei Zirl und Innsbruck), wo der Volksmund weidende Pferde abgestürzt sein läßt.

Ein ähnlich wie Falle gebildetes Wort ist "die Reise", Geröllhalde, mit hd. "Reise", ma. "Roase" ebensowenig verwandt wie mit "reißen", sondern zum Mundartwort "reisen" = gleiten, rieseln, kollern, gebildet, das noch in Reisende Lahn, Ris, fortlebt und mit Rise = "Rinne, in der Steine oder Holzstämme zu Tal rutschen" auf eine und dieselbe Wurzel zurückgeht. Ein mit Reise verwandter Begriff rom. labina, eigentlich "das Gleiten", hat, in unserem Gebiet uralteingedeutscht, eine seltsam zwiespältige Ausbildung erfahren. Von Osten reicht die meist bekannte Mundartform "Lahn" herein, die bodenständige ist aber im Oberinntal allein "Lehn", dem alemannischen Wort Löuwin (Schiller, "die schlafende Löwin") näher verwandt. Im Alpenvorland und um Mittenwald kennt man daneben noch ein Wort "die Laine" und meint damit dem Wildbach (Gassellahn, Laingräben), ganz ursprünglich wohl die Mur, die im Wildbachbett als Schlamm- und Steinlawine verheerend zu Tal braust; solchen Reichtum an Formen und Begriffen vermochte die lebensvolle, ältere Sprache aus einem Wort hervorzuzaubern, um unserem formenreichen Bergen die bunte Pracht ihres edelsten Prunkgewandes, der Berg- und Flurnamen auf den Leib zu passen! Von der knorrigen und ehrwürdigen Erscheinung unserer Berge ist der ehrwürdige, aus Jahrhunderten herauftönende Klang ihrer Namen nicht wegzudenken; am wenigsten dem Wissenden, dem sie längstverschollene Kunde über unsere Alpen zu bringen vermögen.


Die Namen wurden für die Karwendelkarte gesammelt vom Verfasser mit Benützung einer von Herrn Professor O. Stolz hergestellten Sammlung der Flurnamen um Innsbruck und unter bereitwilliger Unterstützung durch die hierfür in Betracht kommende bodenständige Bevölkerung, besonders durch Jagd- und Forstorgane, denen allen hiemit der wohlverdiente Dank abgestattet sei.

Zur Ergänzung der Lautübersicht in "Zeitschrift" 1928 dienen als maßgebend für die lautgerechte Aussprache der reinen Mundartnamen auf der Alpenvereinskarte noch folgende Richtsätze:

1. Für den ma. Laut ea, z.B. in tirolisch sea, heache, neader = See, Höhe, Nörder-(Schatt-)Seite vorkommend, wird ee geschrieben, z.B. Needer, Heechenberg, Eerlspitze.
2. Die Wiedergabe des geschlossenen e der Mundart durch ö kann wegen seines häufigen Vorkommens nicht durchgeführt werden, da eine Reihe eingebürgerter Namen mit e abgeändert werden müßten; es wird daher gewöhnlich mit e wiedergegeben, bloß vor r und l, wo es besonders ö-haltig ist, durch ö.
Das offene e – selten vorkommend – wird durch ë bezeichnet (Rëps, Grëßl).
3. Zur Worttrennung: Wenn ein zusammengesetzter Alm- oder Bergname mit einem selbständig vorkommenden Flurnamen gebildet ist, (Eerl A., zu Eerl), dann werden die beiden Bestandteile getrennt geschrieben: Eerl A., Kristen A. zu Kristen, Kirchl Sp. zu Flurnamen Kirchl. Wenn der Namen dagegen ein untrennbarer Begriff ist, Galtalm (Alm für Galtvieh), Katzenkopf, Zischgenkopf, so werden die Bestandteile zusammengeschrieben.

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Letzte Aktualisierung am 21. April 2017

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