[Kalkalpen-Startseite] [Vorbemerkungen (bitte zuerst lesen!)] [Stichwortverzeichnis] [Impressum] [Kontakt]
Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Erscheinung der Lamsenspitze Abstieg nach Westen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 III. Aus dem Nord-Innthaler Gebirge [Karwendel/Mieminger Gebirge] [geograph. Bezeichnungen noch nicht überprüft]
 XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal

Unbesteigbare im Vomperloch. Ausblick in's Gebirge und Flachland

"Und der abgehackte Thurm mit schiefem Dache, ein grüner Fleck auf seiner östlichen Seite, der hinter der Lamsenspitze aufsteigt?" – so wandte ich mich fragend wieder an den Jäger. "Das ist der Schafkarspitz; der ist ganz unsteigbar. Ja, mein Herr, da herinnend sind noch viel Unsteigbare." – Recht angenehme Aussichten! –

Kommt Zeit, kommt Rath! – Vorerst beschäftigte mich die Betrachtung des Aussichtsbildes, zunächst innerhalb der Gruppe, deren Durchwanderung meine Aufgabe dieses Sommers war. Sie zeigte sich mir von einer neuen Seite und manch' neuer Gipfel war in ihren Rahmen getreten, mancher bereits Bekannte hatte bis zur Unkenntlichkeit sein Aussehen verändert. Den Hintergrund des Vomperthales schloss der Kanzel; der Lafatscherkamm*), welcher mit letzterem anhebt, und dessen Streichen meiner Gesichtslinie entsprach, hatte ich eine einzige schlanke Pyramide sich zusammengeschoben. Näher als der Grubenkarspitz war ein schöner, fast regelmässiger Spitzkegel vorgerückt, in dessen Südostflanke ein weiter, schneegefüllter Kessel sich aufthat. Der Gipfel wurde mir vom Jäger als das Hoch-Glück, das Kar als die Schneepfann' bezeichnet. Rechts vom Grubenkarspitz drängen die Gipfelzacken der Rossloch-Hinterauthaler Kette in einen formlosen Klumpen sich aufeinander, aus welchem die schöne Gruppe Kaltwasser-, Birkkar-, Oedkarspitz zu herrschender Höhe sich emporschwingt. Den Nordosten erfüllen die etwas verschobenen Querketten des Riss-Gebietes, Falken, Gamsjoch und Sonnjoch. Im Südwesten zieht das nahe, gewaltige Speckkar-Gebirge dem Ausblick eine neue Schranke, im Süden und Osten dehnt die eigentliche Fernsicht sich über das Innthaler Gebirge bis an die Firnketten.

*) Der eingeführten Regel zufolge, die Parallelketten der Karwendel-Gruppe nach den jeweils an ihrem Südfusse gelegenen Thälern zu benennen, bezeichne ich den Grat, der an der westlichen Abbiegung der Umfassungskette des Rossloches beginnend, den Kanzel- und Gamskarlspitz trägt und mit dem Suntiger-Grat endet, als den Lafatscherkamm. Selbstverständlich darf mit diesem, das Lafatschthal im Norden begleitenden Kamme nicht jener Abschnitt der Hallthaler Kette verwechselt werden, welcher die beiden Lafatscher (Gipfel) trägt.

Mit Aussichtsbetrachtungen, Notirungen, Kaffeekochen, Plaudern mit meinem Gefährten und gelegentlichem Liebäugeln nach der Lamsenspitze hinüber waren ein paar Stunden bald verflogen; der Himmel hatte sich völlig aufgehellt, alle Nebel des Morgens schwammen als hochgehende Wolkenballen in der Luft. So klar freilich, dass man die Thürme von München hätte erblicken können (von diesen aus ist die Gipfelpyramide des Hoch-Nissl sichtbar) wurde es im Flachlande nicht.


Copyright © http://alpinhistorie.bergruf.de/barth/kalkalpen/
Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

Home XVI. Die Lamsenspitze im Stallenthal Erscheinung der Lamsenspitze Abstieg nach Westen