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Home XXVI. Der Hoch-Blassen Grat-Uebersteigung; Bedenken des Führers Der Haupt-Gipfel des Hoch-Blassen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 V. Aus dem Wetterstein-Gebirge [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXVI. Der Hoch-Blassen

Fortes fortuna adjuvat

Nach dem Grat hinauf ist die Bahn wieder offen – ein paar angestrengte Aufschwünge, da kleben wir wieder auf den Scheitelzinnen, markiren die Stelle mit einem Steinhäufchen, und hinunter über die Schrofen treten wir auf ein Schuttplätzchen aus, das in die Scharte zwischen beiden Gipfeln sich hineinspitzt. Es waren diese letzten Schritte ebensoviel Momente der Ruhe, eines kurzen Nachlasses der physischen wie geistigen Spannung.

"Schön wäre es wohl, wenn wir die Ersten da droben wären" – meinte Peter, und fügte die Frage bei: "Wird das dann auch bekannt?" – Der alpine Ehrgeiz begann ihn zu stacheln. – "Gewiss", erwiderte ich ihm, "wenn's die Leute interessirt, auch aus unsern Bergen von einem Spitz zu hören, auf den hinauf noch Keiner sich getraut, – uns interessirt vor Allem dieser Spitz – der Erste wär's, der Nein sagt, wenn ich ein Ja will!" . . . . . . und vorwärts stürmte ich, in's Felsenthor hinein, – und "geht noch immer weiter!", rief ich zurück.

Ein schmales, aber sicheres Schuttband zeigte sich dort, die Plattwände in horizontaler Linie kreuzend und um ihre Falten sich schlingend; wohl auf mehr als 100 Schritte schätzte ich seine Erstreckung, ein geräumiges Terrain zu weiterer Suche. Noch aber hatte ich kaum ein Zehntheil dieser Entfernung zurückgelegt, als ich bei Wendung um die Ecke eines Riffs mauerfest stehen blieb und stumm, mit ausgestrecktem Bergstocke nach Oben wies. Rasch eilte Peter nach, der vielverheissenden Geberde Anlass zu erspähen – und sah, was Keiner von uns vorhersehen, vorher hoffen konnte, ein Glücks-Geschenk wieder, das nur demjenigen in den Schooss fällt, der's zu ertrotzen wagt. Da zieht sich eine stufige, von den Felsen just in bequemer Weite geschlossene Kluft kerzengerade durch die Wand bis hinauf zum Grat, – zum Grat in einer Höhe, die vom Signale aus bereits als gangbar von uns beurtheilt worden war . . . . . . . "Da treibt man ja eine alte Kuh hinauf!" rief Peter verlockend aus, – sein völliger Zuversichtsmangel war mit einem Schlage der übetriebensten Vertrauensseligkeit gewichen. Ich hütete mich wohl, diess neue Stadium im Geringsten zu erschüttern, obwohl ich der Ueberzeugung lebte, dass wir Arme und Beine noch tüchtig würden rühren müssen – kräftiger und gewandter, als eine alte Kuh.

Ueber schuttbedeckte Blockstufen ging's leicht und rasch empor, dann verengte sich die Runse, die Absätze in ihr wurden höher und spärlicher, zu oberst streckte zwei Klafter hoch ein schiefer Spalt sich zum Grat hinauf. Der Bergstock wäre hier hinderlich, sein Hinaufprakticiren eine harte Nuss für Denjenigen, der allein auf diese Stelle träfe. Wir befanden uns in günstigerer Lage; ich liess meinen Stock in Peters Hand zurück, kletterte den Spalt hinauf, übernahm sodann beide Bergstöcke und Peter folgte nun ebenso leicht mir nach. Die gemeinschaftliche Operation zweier gleichwerthiger Felsenklimmer erleichtert derartige Unternehmungen allerdings bedeutend, und manch' heikler Punkt wird spielend beseitigt, der dem Einzelnen schwer zu schaffen gäbe, – manches, das Einem unmöglich wäre, möchte Zweien vielleicht gelingen. "Herr" und "Führer" dürfen die Zweie freilich nicht sein.


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Letzte Aktualisierung am 29. August 2018

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