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Home XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze Die kühnste Zinne des Isar-Quellengebietes Jagdsteig nach dem Heidenkopfe
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 IV. Aus dem Quellen-Gebiete der Isar [Karwendel] [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XXIII. Schneesturm auf der Kaltwasserspitze

Das Moserkar [1870]

Ein frostiger Morgen (15. August 1870) sah mich, einsam wie gewohnt, über die thaunassen Wiesen der Kastenalpe thalein wandern, den schmalen Pfad zwischen hohen Legföhrengebüschen ausspähend, der zum Stege über den Rosskarbach führt. Dann noch eine kurze Strecke geradenweges gegen das Rossloch hinein und ablenkend von der ersten Fährte drang ich, von schwächerer Spur geleitet, in's Gestrüppe des Thalgrundes ein. Von den Riedelkarspitzen, die ich von Scharnitz aus erstiegen, hatte ich Tags vorher den Hinunterweg in's Hinterauthal durch das Breite-Grieskar genommen, und bei den Jägern des Hinterauthales Nachtquartier bezogen – ein ungerne gesehenener Gast; wussten sie doch, dass mein zweites Erscheinen den nahe bevorstehenden Besuch des Rosslochs bedeutete, der geheiligten Ruhestätte fürstlicher Gemsen*). Für heute war dieser Ausflug noch nicht beabsichtigt; ich gedachte vorher die Frage der Kaltwasserspitze zu lösen; gehört hatte ich wohl in der Riss bereits von ihr, hatte vernommen, dass ihre schlanke Gipfelzinne von den Treibern bei Gemsjagden zuweilen erklommen worden sei. Im Hinterauthale sagte man mir das Gleiche, und bezeichnete sogar drei Anstiegslinien als möglich; die geradeste und am leichtesten zu treffende blieb immerhin diejenige längs des Zweiggrates, andererseits freilich ein wenig empfehlenswerthes Unternehmen, im Karwendelgebirge einen über 2 Stunden langen Grat überwandern zu wollen.

*) Freilich kann dieser Besuch nur mit specieller Erlaubniss des Hrn. Oberförsters von Scharnitz, welchem die Oberaufsicht über das fürstlich Hohenlohe'sche Jagd-Revier übertragen ist, stattfinden. In die Einsamkeit der Berge flüchtet sich gar manches Ueberbleibsel aus alter Zeit. Was Wunder, wenn auch hier und dort ein Stück mittelalterlichen Feudalwesens dem Alpenwanderer begegnet. – Ich habe bereits an einer früheren Stelle (vgl. das 7. Cap. dieses Buches) Anlass genommen, die Verhältnisse im fürstlich Hohenlohe'schen Revier zu beleuchten, und habe hier nur beizufügen, dass ihnen gegenüber auch die höchst anerkennenswerthe Zuvorkommenheit des Hrn. Oberförsters zu Scharnitz sich als nahezu machtlos erweist.

In steiler Doppelbiegung leitete vom Bergfusse mich der Pfad durch rankendes Krummholz hinauf zum Thalboden des Moserkars; zu meiner Rechten dröhnte durch enge Kluft der Wildbach, welcher aus dieser weiten Bergbucht seine Wasseradern sammelt und sie hinausführt in den Rosskarbach und zur jungen Isar. Nach viertelstündigem Anstieg erschloss vor mir sich die Weitung, eine lange, fast ebene, hügelig wellige Fläche, vom Moserkarbache in nunmehr seichtem Bette durchrauscht. Eine engumrahmte Bergwelt ist es, in welche der Wanderer hier eintritt; neu ist, was seinem Auge sich darbietet, und verschwunden, was er vorher gesehen. Der Steilabfall gegen das Hinterauthal deckt jeden Rückblick in dieses und nur die Felskolosse der Lafatscher schauen durch das enge Thor des Südens herein. Links düsteres, buschiges Gehänge, von grauen Mauergürteln durchsetzt, dem Heidenkopfe, dem Zweigkamm der Kaltwasserspitze angehörend; rechts steile Wand, einen rundköpfigen Eckthurm in's Thal vorspreizend: hier nimmt die gewaltige Masse des Südlichen Sonnenspitzes, des Sonnenjochs, der östlichen Schranke des Moserkars, ihren Anfang, und in der Kluft, die jenen Thurm von der breiten Wandflanke trennt, beginnt auch die Ersteigung ihrer Gipfel, eine der seltensten im Quellen-Gebiete der Isar. Von der Grenze des flachen, grasreichen Bodens hebt sich circusförmig der Hintergrund des Thales in zertheilten Kesseln und Karen zum Grat. In dessen Mitte lastet als breite, völlig regelmässige Pyramide der Moserkarspitz (7968' 2599 m. Pfaundler); sein stark vortretender, als breites Steilwanddreieck niedersetzender Zweigkamm bewirkt die erste grosse Theilung des inneren Moserkars in zwei nahezu gleiche Hälften, die ihrerseits wieder in Kare zweiter Ordnung zerfallen: die östliche Hälfte wird durch einen kurzen Absenker des Kühkarlspitzes auf dem Hauptgrat in die beiden Kühkarln getheilt, in der westlichen Hälfte scheidet der Ausläufer eines kecken Zackens, des Rauhkarlspitzes, das Rauhkarl ab, welches als langgedehnte Trümmersinke hart unter den Ostwänden der Kaltwasserspitze hinunterzieht.

Die Rahmen der ganzen Weitung, den Mittelgrund derselben an Höhe wie an Schroffheit bedeutend überbietend, wurden bereits genannt: wie im Verlaufe des vereinigten Thales ihre Zweigkämme, so sind es in seinen Ursprungskaren die Gipfel des Hauptgrates selbst, die als gewaltige Wächter ihre Mauern und Zinnen über den Schuttwüsten erheben, mit unangreifbaren Wänden sie umranden. Im Osten, über dem östlichen Kühkarl, trohnt der Nördliche Sonnenspitz (8136' 2643 m. Pfaundler), der gleiche, welcher als viereckiger Thurm auf das Alpenthal von Ladiz herniederschaut. Im Westen, über dem Rauhkarl, schwingt die Kaltwasserspitze sich empor (8411' 2732 m. Kataster). Von ihrem Gipfel herab zieht schartig, in abenteuerlichen Gestaltungen, unter welchem eine viereckige Mauerruine besonders auffällt, der Hauptgrat herunter zum Rauhkarlspitz. Nicht minder zerrissen erscheint in ihrer Umgebung der Zweigkamm längs des Moserkars zum Heidenkopfe; dunkel bebuscht, von mächtigen, langgestreckten Steilwandstufen durchstrichen, senkt seine Flanke sich herab in's Moserkar; je weiter thalein, um so geschlossener, mauerschroffer wird ihr Bau. Wüsste ich auch nicht, das der gebahnte Pfad nach dem Heidenkopfe, dem die Kastenalpe beherrschenden Eckpunkte des Kaltwasserspitzkammes*) hinanführe, es bliebe mir doch keine andere Wahl, als möglichst bald ablenkend, diesen Scheitel zu erstreben; denn bald genug würde eine Schranke von Steilwand das Verlassen der Thalsohle mir verwehren. Dann bleibt freilich der Grat seiner ganzen Länge nach zu übersteigen; und in unseren zerklüfteten Kalkgebirgen gehören solch' lange Gratwanderungen zu den unsichersten Auskunftsmitteln; ich hatte Proben davon bereits in Fülle erhalten.

*) Auf den Karten findet sich derselbe meist fälschlich als "Eisenkopf" aufgeführt.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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