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Home Aus illyrischer, romanischer und germanischer Zeit Name und Ort Scharnitz
 Was Karwendelnamen erzählen

Aus dem Mittelalter; der Name "Karwendel"

Wenn zur Völkerwanderungszeit das Paßtal von Seefeld der Heerweg für germanische Volksscharen war, die den Grund legten zu gleichartiger Siedlung und gleichen Ortsnamen in und außerhalb der Alpen, so bildete es im Hochmittelalter die feste Klammer, die das Land im Gebirge mit dem Alpenvorland verband, so fest, daß auf Jahrhunderte hinaus die ganz auseinanderstrebenden Flußgebiete der Loisach und der oberen Isar mit dem oberen Inntal eine politische Einheit darstellten, das Herrschaftsgebiet der Grafen von Andechs, später der von Eschenlohe. Diese lange Verbundenheit war nicht ohne Einfluß auf Formung des Volkscharakters, der Volkssprache. Für die Mundart ist auch heute noch der Alpenrand keine Grenze, vielmehr stimmt diese vom Oberinntal bis zur Loisach längs des alten Paßweges in den wesentlichen Zügen überein und grenzt sich an einer gemeinsamen Nord-Süd-Linie gegen die östlichen Nachbarmundarten des Isarwinkels und des Inntales um Innsbruck ab. Diese innere Einheit kommt nicht zuletzt in den Ortsnamen unseres Gebietes noch gut zum Ausdruck, wenngleich die bodenständige Mundart von Osten her dort immer mehr zurückgedrängt wird. Wie man in unverfälschter Redeweise von Telfs bis Weilheim sagt "gloobe, koofe" für glauben, kaufen, so entstand nördlich Garmisch der Ortsname Ohlstatt aus älterem Aulstatt, Auwolfestetin (vom Personennamen Auwolf), und innerhalb der Alpen bei Scharnitz ein Flurnahme Loblehner aus älterem Laublehner (laubwaldreicher Hang). Heute wird allerdings schon wie im übrigen bayrisch-österreichischen Gebiet Lab(lehner) gesprochen, auch Labalehner (aus altem Loubin Lehner). Bei Inzing fällt auf der Karte ein sicher romanischer Name Ragges auf. Er wird noch 1730 Rogeß geschrieben und führt auf ein älteres Raugges, am ehesten rom. ravicos sc. agros "Graues Feld" zurück. Besser hat sich in dem Gebiet erhalten die vorschnell als schwäbisch bezeichnete Aussprache von -en als -a, also "Linda, Hitta" für "Linden, Hütten", die bisherige irrige Schreibung Linderspitz bei Mittenwald geht auf diese Aussprache zurück, sie müßte in Lindenspitz richtiggestellt werden, da man sonst selbst den Namen Mittenwald, der von den Einheimischen auch Mittawald gesprochen wird, so wiedergeben müßte und die vielen ähnlich auslautenden Namen im Tiroler Teil, wie Beiahäusla, Schemawand doch in der verständlicheren schriftdeutschen Form "Beienhäuslen" (= Bienenhäuslen), "Schemenwand" (nach einem Faschingsläufer, im Oberinntal = "Schemen") gegeben werden müßten. Selbst die Solenalm, die dem Solstein den Namen gab (mhd. sol = "Suhle, Wälzlache"), wird kurz als die Sola bezeichnet.

Wer den Ortsnamen Garmisch ausspricht, denkt wohl nicht daran, daß er sich damit einer rein mundartlichen Aussprache anbequemt, über die man lächelt, wenn ihr zufolge ein Oberinntaler Bauer etwa "Barg", "Harz" für Berg, Herz spricht, die aber nach Norden hinaus bis gegen den Ammersee reicht und sich im Ortsnamen Garmisch, entstanden aus "Germareskowe" 803 = "Gau eines Germar", zäh behauptet hat. (Die Endsilbe -ga (aus -gau) fiel hier ab, weil man sie nicht mehr verstand und für eine der besprochenen a-Endungen hielt.) In Tirol entstand auf gleiche Weise des Ortsname Bartlsgaden (bei Oberperfuß) aus Berchtesgaden, Scharmegg (s. Karte) aus Scherm = "Viehunterstand"; u.a. vor allem ist es der ehrwürdige Name des Gebirges selbst, der auf die gleiche Weise aus der ursprünglichen Form Gerwendel (Gerbintla) des 13. und 14. Jahrhunderts die entscheidende Umwandlung zu dem vom 15. Jahrhundert ab vorherrschenden Garwendel erfuhr.1)

1) In Zusammensetzungen wie Germar wird ger (wegen der Konsonanz) auch sonst als kurze Silbe behandelt.

Es ist wohl das wichtigste Ergebnis der Flurnamenserhebung für die Karwendelkarte, daß heute noch die Aussprache "Garwentl" in der Gegend von Scharnitz noch als durchaus lebendig festgestellt werden konnte, die unbeeinflußt von gelehrten Entstellungen unmittelbar auf die älteren Urkundenformen zurückgehen muß und auf diese erst das rechte Licht wirft. Die heutige Schreibung und Aussprache Karwendel, die das Wort unrichtigerweise mit Kar zusammenbringt, scheint erst von der Karte Peter Anichs ausgegangen zu sein, die häufigen Erwähnungen in der Zeit vorher lauten meist Carbendl und wollen damit vielleicht noch eher der Volkssprache mit "g" Rechnung tragen. Erst in diesem späteren Abschnitt verstand man dann auch unter Karwendel das ganze riesige Gebirge zwischen Seefeld und dem Achensee (erst seit Hermann v. Barth, 1870), während das Volk in seinem zähen Beharrungsvermögen und seinem Mangel an Überblick "Garwendl" nur als Bezeichnung für das Karwendeltal bei Scharnitz – genau wie die Urkunden – verwendet.

Die richtige Kenntnis der Mundartform und ihrer Entwicklung aus dem älteren Sprachzustand ermöglicht es heute, aus dem vielfachen Hin und Her der Meinungen über die Herkunft des Gebirgsnamens heraus zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Es ist nicht mehr statthaft, an einem von Alois Walde (1895) ohnehin bloß ad hoc gemutmaßten2) illyrischen Wort caravant-lo-m festzuhalten, weil Walde seinerzeit die Mundartaussprache nicht kannte und die sprachgesetzliche Wandlung von -ger zu -gar nicht in Betracht gezogen hatte. Die alten Belege für Gerwendel haben sich dank unermüdlicher Forscherarbeit seit Walde auf sechs – zwischen 1260 und 1436 – vermehrt und lassen nicht mehr das illyrische Caravant, sondern nur den altdeutschen Personennamen Gerwendil (rein orthographisch daneben auch Kerwentil) zur Namengebung zu. Dieser Name, der dem kriegerischen Sinn der alten Bayern alle Ehre macht – er bedeutet Speerschüttler –, ist auch zu dem Ortsnamen Gerblingshausen bei Wolfratshausen (im 10. Jahrhundert Kerwenteleshus) Pate gestanden und tritt, abgesehen von einer allerersten Nennung Gerwendelaur – als Beinamen für einen Zeugen in der oben erwähnten Urkunde aus Walgau, 1260 –, zunächst als Bezeichnung für den Karwendelbach auf.

2) oder genauer gesagt, aus einer anderen "Unbekannten", (der Wurzel des Namens Karawanken) abgeleiteten. . . . Die Form Garwendel, auch Grawendl, kommt noch bis 1766 häufig vor.

Die Grenze der Grafschaft Werdenfels von 1305 "hebt sich an ze Gerbintla" und geht am Schlusse wieder "uncz (bis) in die Gerbintla"! Noch klarer wird der Bach 1433 die Gerwendelsach genannt. Das -a von Gerbintla ist dann ebenso wie bei Garmisch (siehe oben) abgefallen, da man fälschlich darin bloß eine Mundartendlung erblickte (Schreibung "Garmischen" 1599!). Wenn heute der Ton auf der zweiten Silbe von "Karwendel" ruht – entgegen altgermanischer Art und Weise –, so beweisen die alten Schreibungen "Gerbintla" durch die abgeschwächten Nebensilben die Betonung der Anfangssilbe. In langen Zusammensetzungen mochte auch damals schon der Ton des besseren Gleichgewichtes halber auf die zweite Silbe gewandert sein, worauf die älteste Form Gerwendelaur = Gerwendel-auer (Bewohner der Gerwendelau am Unterlauf) hinweist, und sich schließlich dort festgesetzt haben. Früh wird dann der Name für die Alm und Berggegend, nicht bloß für den Bach verwendet. Auch sonst sind ja heute einstige deutsche Personennamen für Berge in Gebrauch. Am Wazmann [Watzmann], Guffert, Hilpold sind die Namen ursprünglicher Almbesitzer Wazamann, Gotfried, Hilpold haften geblieben und auch der Wörner bei Mittenwald, zugleich Name der Weidegegend am Fuß des Berges, ist von den deutschen Personennamen Werinher nicht zu trennen. (Ein Mittenwalder Familienname Wörndle geht ebenfalls auf ihn zurück.)

Es ist vielleicht nicht ohne siedlungsgeschichtlichen Zusammenhang, daß sich die mit "ger" zusammengesetzten Namen an der Straße um das Karwendel wiederholen, zwischen Garmisch und Mittenwald ein Ort Gerold, am Südfuß der Paßstraße Kerschbuch (1305 Gersbuch, d.i. Buchenwald eines Gerhoh), gegenüber ein Geroldsbach (von einem Ortsnamen Gerhartspuint) anreiht; es sieht so aus wie ein immer neues Nachströmen von Siedlern aus jener Landschaft, in der dieser Namentypus seit alters zu Hause ist. Auf jeden Fall aber zog man von dort, aus dem Werdenfelsischen, allsommerlich auf die Almweiden an der Gerwendelache, Jahrhunderte bevor sich beim heutigen Scharnitz die ersten Häuser erhoben. Sind jene doch bis vor 100 Jahren ausschließlich im Mittenwalder Besitz verblieben und die Grenzziehung trug einst dem Rechnung. Trotz mannigfachen Grenzstreitigkeiten blieb das Karwendeltal bis zum Jahre 1806 ein Teil der Freisinger Grafschaft Werdenfels, wenn auch in den letzten Jahrhunderten bloß als Einsprengsel im tirolischen Gebiet. Kare und Fluren wie Vogelkar, Schlaucherkar (nicht Schlauchkar!), Neunerkar, Marxenkar, Karners Loch, Klotzenrib, tragen noch heute die Namen der einstigen Besitzer, der Mittenwalder Bürger Vogel, Schlaucher, Neuner, Marx, Karner, Klotz, und der in Grenzbeschreibungen oft genannte Laingraben und Marchgraben erinnert noch an die "March", dieses seltsam abgesprengten Stücks Freisinger Gebietes im Hochtal "zu Gerbintla".


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Letzte Aktualisierung am 21. April 2017

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