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Home IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel Die "Schnur" Abend auf dem Gipfel
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 IX. Eine Nacht auf dem Hochvogel

Irrgang; richtiger Weg

Wie ich bereits erwähnt habe, gehört der Hochvogel mit zu den wenigen Berggipfeln, welche einen zweimaligen Besuch meinerseits erfuhren; dieses zweite Mal, im Jahre 1871, fand ich mit Leichtigkeit die richtige Fährte. Man hat sich nämlich im Ansteigen von der Scharte des Kalten Winkel weg, ohne Rücksicht auf die lockeren Gras- und Geröllplätze zur rechten Seite, stets möglichst stark aufwärts zu halten, bis hart an den Fuss der senkrechten Wände des thurmartigen Aufbaues der Hochvogel-Schulter; hier trifft man auf ein mehrere Schritte breites, etwas abschüssiges, geröllbedecktes Gesimse, welches in horizontaler Linie um die Bergecke sich herumschlingt und wenige Fuss unterhalb der Scharte zwischen Haupt- und Nebengipfel, über die Kluft, die hier ihren Ursprung nimmt, hinüberführt. Der Sprung über die Kluft gehört ins Fabelreich gleich der Steilwand, welche den am Schneefelde Abgleitenden zu verschlingen droht; es gibt an dieser Stelle nicht eines Zolles breite, wohin nicht in voller Sicherheit der Fuss gesetzt werden könnte. Wo die Leute nur ihre Augen haben mögen, wenn sie den Berg ersteigen? — oder ihr Gedächtniss, wenn sie davon zurückgekehrt sind?!

Zu wirrem Getrümmer aufgelöst, breitet die nordwestliche Flanke der Hochvogelpyramide sich aus und strebt in starkem Steigungswinkel ihrer Gipfelhöhe zu; immer lockerer und haltloser decken zerschlagene Plattenschollen den Boden, je weiter aufwärts der ermüdende Schritt den Wanderer trägt. Das häufig sich zeigende Gipfelkreuz scheint unveränderlich gleiche Entfernung zu bewahren. Bei völlig frischen Kräften, welche in den seltensten Fällen der Hochvogelbesteiger bis in die unmittelbare Nachbarschaft seines Zieles mitbringen wird, wäre auf diese letzte Strecke der Ersteigung wohl eine starke halbe Stunde zu rechnen; gewöhnlich wird nahezu eine Stunde dabei zugebracht, und auch ich, durch die fast unausgesetzte Wanderung von Sonthofen bis auf den Hochvogel bereits ziemlich erschöpft, verbrauchte nicht viel weniger Zeit dabei.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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