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Home XII. Die Krotenköpfe XII. Die Krotenköpfe Verknüpfung der Hornbacher Kette mit dem Algäuer Centralkamme
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 XII. Die Krotenköpfe

Der Culminationspunkt der Algäuer Alpen

"Welches ist der Culminationspunkt der Algäuer Alpen?" – "Die Mädelegabel" – so mochte die Antwort auf jene Frage bis in die neueste Zeit lauten, obwohl bereits in Dr. Ruthners Beschreibung seiner Mädelegabelersteigung*) eine gegentheilige Andeutung sich findet. Im oberen Illerthale freilich wird der Augenschein jener Annahme Recht geben; der Rahmen, der für Sonthofen und seine Umgebung das Quellengebirge der Iller abschliesst, in dessen Mitte die Doppelspitze der Mädelegabel thront, ist zu enge geschlossen, dass die rivalisirende Gebirgsgruppe im Osten zur erfolgreichen Geltung gelangen könnte; wohl zeigen sich ihre eigenthümlich geformten Spitzen über den Bergrücken des Fürschiesser und der Kegelköpfe, sie verändern ihren Standort und wechseln in ihrer Gruppirung, während die Strasse nach Oberstdorf den Wanderer dem Fusse des Hochgebirges näher bringt. Jenseits Fischen sind sie bereits völlig verschwunden; sie erscheinen dem Ersteiger des Mädelejochs wieder über der Ausmündung des Sperrbachtobels, ein starres, trotziges Spitzenpaar, verbunden unter sich durch flache Sattellinie und damit gleichsam den Bergsteiger höhnend, der eben in diese bequeme Verbindungsstrasse nicht gelangen kann, er hätte denn zuvor die eine oder andere der zacken- und mauerumpanzerten Spitzen erstiegen.

*) Jahrbuch des Oesterr. Alpen-Vereins, Bd. v. 150.

Noch fehlt der Dritte im Bunde; er zeigt sich erst jenseits des Grates am Mädelejoch, ein gewaltiger Felsenrücken, und hoch blickt er den Besuchern der Mädelegabel nach und behauptet sein Uebergewicht über sie auch dann noch, wenn die letzte Gipfelhöhe erklommen. Betrachte dir aber einmal die Algäuer Gebirgskette dort, wo sie in weiterem Umkreise, gegen Osten namentlich, sich erschliesst, von der Iller unterhalb Immenstadt aus, wo die zweimalige Biegung des Thales Raum für einen erweiterten und umfassenderen Ausblick geschaffen hat. Da wird es wohl aller Unerschütterlichkeit des dogmatischen Herrscherranges der Mädelegabel bedürfen, um nicht aufmerksam zu werden auf die Gipfelgruppe östlich von ihr, aus welcher ein zuckerhutförmiger Felskegel zu überraschender Höhe emporspringt und einen blendend weissen, hinter dem Grate sich verlierenden Firnstreifen an seiner Nordseite weist. Das sind die Krotenköpfe, an den Knotenpunkt des Iller- und Hornbachgebietes gestellt und in ihrer Gesammtheit diesen Knotenpunkt ausmachend, obwohl keines der Gipfelhäupter ihn für sich allein beanspruchen kann. Mit der Namenskenntniss dieser Gruppe im Allgemeinen ist die Bekanntschaft des Algäuers und des Algäuer Bergtouristen mit ihr auch ziemlich abgeschlossen; sobald sie als auffällige zusammengehörende Gruppe zu erscheinen aufgehört, hält es schwer, den Leuten, welche man über sie ausfragt, auch nur über die Stellung und die Bedeutung der Spitzen zu verständigen, welche man im Sinne hat; auf der Obermädelealp, wo sie wieder gross und gewaltig vor Augen stehen, erfährt man gar Nichts. Man hört wohl auch oberflächlich erzählen, "Einer" der Krotenköpfe sei unersteigbar, welcher dieses sei, darüber empfängt man selbstverständlich keine nähere Aufklärung; es ist dies auch vollendeter Unsinn. Um den Hauptgipfel für unersteigbar zu halten, muss man ihn überhaupt von der einzigen Nordseite und auch von dieser nicht nahe genug gesehen haben, um das trigonometrische Signal auf seinem Scheitel zu erblicken. Die anderen, durch den Sattel verbundenen Spitzen sind entweder beide unbesteigbar, oder beide besteigbar und natürlich ist das letztere der Fall.

Dass ich eines schönen Nachmittags an der Obermädelealp vorbeispazierte, in den Abendstunden den einen und am folgenden Morgen die beiden anderen Spitzen abkappte, dann auf Nimmerwiedersehen über den Trettachferner weg in's Bacher Loch verschwand, war leicht begreiflicher Weise nicht geeignet, seinem Resultate nach in der Erinnerung der Leute haften zu bleiben; erst seit den epochemachenden Arbeiten Waltenbergers über das Algäuer Gebirge, beginnen die Krotenköpfe dem grossen Publikum etwas mundgerechter zu werden und allmählig langsam in den ihnen gebührenden Rang einzutreten. Immer aber zieht es noch die Bergsteiger vom Mädelepass westlich, immer noch bildet die Mädelegabel den Magnetberg, von welchem abzulenken ihnen geradezu unmöglich zu sein scheint. Und doch bedürfte es weiter Nichts, als links zu gehen vom Mädelepass, statt rechts, so befände man sich in gleicher Zeit, ohne irgend grössere Schwierigkeit, ja sogar ohne die Hindernisse, wie z.B. die Steilhänge und der scharfe Grat der Schwarzmilz sie bieten, statt auf der Mädelegabel auf dem Culminationspunkte der Algäuer Alpen. Ich war so frei und ging einmal links.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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