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Home VIII. Das Thannheimer Gebirge Ueber Hindelang, Schattwald, Thannheim und den Haldensee nach Nesselwängle [1869] Die Nesselwängler Scharte; erster verfehlter Anstieg; Erscheinung des Kellerschrofen
 H. v. Barth: Aus den Nördlichen Kalkalpen (1874)
 II. Aus den Algäuer Alpen [geographische Bezeichnungen sind noch nicht überprüft]
 VIII. Das Thannheimer Gebirge

Die Nesselwängler Alpen [Gimpel-Alp]; Aufschluss des Kars an der Rothen Flüh [Gimpel]

Dicht zusammengedrängt stehen auf welligem Wiesengrunde einige niedrige, kleine Hütten. Zur Rechten dehnt eine mässig tiefe, grüne Bergmulde sich aus, an deren jenseitigem Gehänge abermals eine kleine Alpengruppe sichtbar ist. Noch war kein Leben auf diesen Höhen; kärglich erst sprosste das Gras aus dem kalten Boden hervor, welchen noch zahlreiche Schneeflecke überdeckten. Durch die Krummholzhügel führte der Steig mich noch eine Strecke weit aufwärts, um dann nach der rechten Seite gewendet das Alpenkar zu durchqueren und mir allmählig den vollen Ueberblick des Gebirgsgrates und namentlich seines westlichen Theiles zu eröffnen. Dort, wo die Rothe Flüh [Gimpel] stehen musste, suchte ich meinen Gipfel.

Mit einiger Ueberraschung sah ich das Panorama in dieser Richtung sich entwickeln; der buschbehangene Schrofenkamm, dessen Fuss auf die Terrasse der Nesselwängler Alpen [Gimpel-Alp] sich stellt, trat allmählig zurück und gab dem Blicke Raum, in das Innere eines weiten und tiefen, mit Schuttmassen und Schneefeldern erfüllten Bergkessels zu dringen, in dessen Hintergrunde die starre Säule der Rothen Flüh [Gimpel] und der von ihr südwärts abgeneigte Haldenspitz [Rote Flüh] alsbald wieder erkannt wurden. Von letzterem herab senkt gegen Osten sich der Schrofengrat, der an den Nesselwängler Alpen sein Ende erreicht, vom ersterem dagegen zieht in gleicher Richtung der Hauptgrat fort, eine endloser Reihe zerhackter Felszähne. Mit zerklüfteten Steilwänden von ein paar hundert Fuss Höhe setzt er auf die Geröllflächen nieder, welche die oberste Zone des Berggehänges bedecken. Im Osten schliesst er an ein zerrissenes Gemäuer, ziemlich massig basirt auf dem Scheitel einer grünen Bergrippe, welche meinen weiteren Ausblick verhindert und mich über die Bedeutung dieses Felsenbaues ziemlich im Unklaren lässt; mir ahnte aber bereits, dass derselbe etwas mehr zu sagen haben mochte, als es hier unten erschien, und dass ich, am vorgesetzten Zielpunkte angelangt, möglicherweise gar nicht das erwünschte Ziel, den Gipfel der Gruppe, erreicht haben könne. Schon diese Vermuthung brachte eine gewisse Unsicherheit in meine weiteren Pläne und deren Ausführung; gesteigert wurde diese Unsicherheit noch durch die Verhältnisse, welche das offen gelegte Schlusskar der Gebirgskette mir vorführte.

Wäre ich in den Algäuer Bergen nichts bereits so mancher Negation früher gewonnener Erfahrungssätze begegnet, hätte ich in der Behandlung von Kettengebirgen überhaupt bereits grössere Erfahrung besessen, es hätte mir keinen Augenblick zweifelhaft sein können, dass ich den Anstieg an meinem Gipfel aus diesem Kar zu suchen habe, und nirgends anders, als in diesem Kar vernünftiger Weise ihn zu finden erwarten könne. Mochte das Gewände dort auch noch so steil und plattig aussehen, – es war dann eben ein schwieriger Anstieg, aber jedenfalls nur auf kurze Strecke; im Kar aufwärts gehend, drang ich jedenfalls am weitestens in's Herz des Gebirges vor, und gewann an absoluter Höhe am meisten. Wie gesagt, es waren diese Erfahrungssätze mir zwar nicht fremd, aber doch noch nicht genügend festgestellt, nicht hinlänglich in Fleisch und Blut übergegangen, wie diess nach den Wanderungen des folgenden Jahres, in den Ketten des Karwendel, bald genug geschehen war. Ich schwankte, – der Anstieg aus dem Kar, obwohl ich eine Linie, wo die Ersteigung vielleicht möglich, schon wahrnahm, erschien mir zu schlecht, halb und halb zog mich's überhaupt gegen Osten, wo ich einen neuen, mir noch ganz unbekannten Gipfel witterte – andererseits wollte ich doch von dem ersten Ziele nicht ablassen; und so wählte ich denn einen goldenen Mittelweg – im Gebirge das Allerschlechteste.


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Letzte Aktualisierung am 23. April 2017

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